Geschichte
„Ach, warum habt ihr denn so viel mitgebracht?“ flötete sie und griff sich geschickt die schwerste Tasche aus Christians Hand

„Ach, warum habt ihr denn so viel mitgebracht?“ flötete sie und griff sich geschickt die schwerste Tasche aus Christians Hand

Diese Verwandtschaft ist rücksichtslos und berechnend.

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1 727 Leser 4 Seiten ~3 Min.

Die Verwandtschaft meines Mannes liebe ich am liebsten aus sicherer Entfernung.

Von Beruf bin ich Buchhalterin. Ordnung, klare Zahlen und nüchterne Tatsachen sind mir vertraut. Christian Braun, mein Mann, tickt ganz ähnlich. Wir führen ein ruhiges Leben, doch sobald jemand versucht, sich auf unsere Kosten bequem einzurichten, ziehen wir sofort eine Grenze — und zwar endgültig.

Christians Cousine Laura Mayer hatte sich vor Kurzem ein kleines Wochenendgrundstück zugelegt. Sie ist eine laute, umtriebige Frau und hält sich selbst gern für eine großzügige Gastgeberin. Nur wurde ihre viel gerühmte Gastfreundschaft merkwürdigerweise fast immer aus fremden Geldbörsen finanziert.

Der Anruf kam an einem Freitag.

„Hannah, Liebes!“, dröhnte Laura fröhlich ins Telefon. „Thomas und ich haben die Veranda fertiggebaut und einen Grill gekauft. Morgen müsst ihr unbedingt kommen! Wir machen ein richtig feines Essen, ich bewirte euch so, dass ihr euch die Finger danach leckt!“

Mit leeren Händen irgendwo aufzutauchen, war nie meine Art.

Also fuhren Christian und ich am nächsten Morgen zuerst zum Markt. Wir kauften drei Kilo hervorragenden Schweinenacken, einen Eimer fertige Marinade, knackige Gurken, Tomaten, frische Kräuter und Obst.

Im Supermarkt legten wir noch drei verschiedene Käsesorten, Süßigkeiten und teuren Alkohol dazu. Am Ende waren die Taschen so schwer, dass man sie kaum tragen konnte. Ich dachte ganz praktisch: Wir würden ordentlich zu Mittag essen, und was übrig blieb, könnten die Gastgeber später am Abend noch gut gebrauchen.

Auf dem Grundstück empfing uns Laura bereits am Gartentor. Sie stand dort mit in die Hüften gestemmten Händen und sah aus, als erwarte sie jeden Augenblick Applaus.

„Ach, warum habt ihr denn so viel mitgebracht?“, flötete sie.

Im selben Moment griff sie sich geschickt die schwerste Tasche aus Christians Hand.

„Kommt, setzt euch schon mal an den Tisch!“

Wir gingen hinauf auf die frisch gebaute Veranda.

Auf dem großen Holztisch lagen verloren drei Salatblätter und ein winziges Bündel Dill. Sonst befand sich dort absolut nichts.

Thomas Lorenz, Lauras Mann, hielt es nicht einmal für nötig, uns zu begrüßen. Geschäftig nahm er unser Fleisch an sich, brachte die Kohlen zum Glühen und begann, die Stücke auf Spieße zu ziehen. Dabei benahm er sich, als hätte er dieses Schwein höchstpersönlich im Wald erlegt.

Während des Essens lobte Laura ununterbrochen ihre eigene Großzügigkeit.

„Greift zu, ihr beiden, esst nur!“, sagte sie gönnerhaft und schob Christian einen Teller mit genau dem Käse hin, den wir selbst gekauft hatten. „Gäste richtig zu empfangen, dafür braucht man eben Talent. Ihr Stadtbuchhalter sitzt ja ständig nur über euren Papieren. Bei mir bekommt ihr wenigstens mal etwas Anständiges auf den Tisch!“

Ich spießte ein Stück von der Gurke auf, die ebenfalls aus unserer Tasche stammte.

„Da hast du recht, Laura.“

Laura. Du bist wirklich eine begnadete Gastgeberin. Aus fremden Einkaufstaschen ein üppiges Festmahl zu zaubern, muss man erst einmal können.“

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