Zögernd trat Sophie an seinen Schreibtisch. Normalerweise durchsuchte sie nie seine Sachen; sie hatte immer Wert darauf gelegt, persönliche Grenzen zu respektieren. Aber in diesem Moment brauchte sie lediglich ein Dokument. Sie zog die oberste Schublade auf. Darin herrschte das vertraute männliche Durcheinander: Ersatzhaken, aufgerollte Angelschnur, Kassenbons aus Angelgeschäften, alte USB-Sticks und ein paar lose Batterien. In der zweiten Schublade lag eine dicke, ordentlich verschlossene Kunststoffmappe in Dunkelgrün.

Sophie nahm sie heraus und klappte sie auf, überzeugt, darin die HU-Bescheinigung zu finden. Doch das gesuchte Papier war nicht dabei. Stattdessen lag ganz oben ein Reservierungsvertrag für eine Einzimmerwohnung in einem Neubau, ausgestellt auf den Namen Emily Albrecht.

Mechanisch überflog Sophie die ersten Zeilen. Dann runzelte sie die Stirn.

Der Kaufpreis der kleinen Wohnung betrug 40.000 Euro. Die im Vertrag angegebene erste Zahlung für die vergünstigte Finanzierung war klar beziffert: 6.000 Euro. An den Vertrag war außerdem ein Zahlungsbeleg geheftet, der die vollständige Überweisung genau dieser Summe bestätigte — ausgeführt vom Konto von Florians früherer Ehefrau.

Sophie las die Zahlen ein zweites Mal. Dann ein drittes. Die Anzahlung war längst komplett geleistet worden. Von zusätzlichen 20.000 Euro stand dort nichts. Die Wohnung wurde bereits über eine Finanzierung abgewickelt, und die erste Rate hatte Emilys Mutter überwiesen.

Ihr Herz begann schneller zu schlagen. Wenn die Wohnung längst angezahlt war, weshalb brauchte Florian Albrecht dann die 15.000 Euro aus dem Verkauf ihres Crossovers?

Sophie Werner blätterte weiter. Unter der Mappe mit den Unterlagen zur kleinen Wohnung lag noch ein Vertrag. Auf festem, weißem Papier prangte das Logo eines bekannten Autohauses. Es handelte sich um einen Vorvertrag über den Kauf eines Fahrzeugs. Als Käufer war Florian Albrecht eingetragen. Beim Kaufobjekt stand ein wuchtiger Geländewagen einer angesehenen chinesischen Marke: schwarzer Lack, Chromdetails, ein protziges Ungetüm für knapp 50.000 Euro.

Und im Zahlungsplan stand unmissverständlich: Anzahlung — 15.000 Euro. Fällig am kommenden Dienstag.

Sophie ließ sich auf den Stuhl sinken, die verräterischen Blätter noch immer fest in den Fingern. Plötzlich fügte sich alles zu einem einzigen, widerwärtigen Bild zusammen.

Ihr liebevoller, fürsorglicher Ehemann, der noch gestern so theatralisch nach Luft geschnappt, sich ans Herz gefasst und ihr Gefühllosigkeit vorgeworfen hatte, wollte sich schlicht ein neues Auto gönnen. Er wollte in einem riesigen Geländewagen sitzen, Eindruck bei Kollegen schinden und beim Angeln vor den anderen Männern glänzen. Eigene Rücklagen hatte er dafür offenbar nicht. Also hatte er sich eine geniale Lösung zurechtgelegt: Emilys Wohnungskauf sollte als moralischer Hebel dienen. Emily Albrecht und ihre Mutter spielten, wie es aussah, mit. Sie halfen Florian dabei, eine künstliche Notlage aufzubauen, während er vorhatte, Sophies Wagen zu verkaufen, das Geld unter dem Vorwand der Hilfe für sein Kind einzustreichen und es dann direkt ins Autohaus zu tragen.