Anna schaltete Musik ein. Erst leise, fast vorsichtig, dann drehte sie lauter. Ein klarer, pulsierender Beat erfüllte den Innenraum.

Draußen verschwamm die Landschaft zu breiten Streifen aus Grün, Gelb und Grau. Kleine Baumgruppen zogen vorbei, abgeerntete Felder, vereinzelte Ausflugslokale mit Schildern für Bratwurst, Kaffee und hausgemachten Kuchen. Im Wagen dagegen herrschten Kühle, Ordnung und ein sauberer Geruch, der sich für Anna plötzlich wie Freiheit anfühlte.

Erst jetzt, während sie auf das gleichmäßige Band aus Asphalt blickte, begriff sie allmählich, was sie gerade getan hatte. Sie zitterte nicht. Sie weinte nicht. Kein hysterisches Schluchzen schnürte ihr die Kehle zu. Im Gegenteil. Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit fühlte sie sich nicht ausgelaugt, sondern wach. Als wäre sie aus einem stickigen, jahrelangen Schlaf aufgetaucht.

Sie dachte daran zurück, wie sie Sebastian kennengelernt hatte. Damals hatte er aufmerksam gewirkt, warmherzig, so herrlich „familiär“. Ständig sprach er davon, wie wichtig Zusammenhalt sei. Brüder müssten füreinander einstehen, Eltern dürfe man niemals hängen lassen, Familie sei das Einzige, was wirklich zähle. Mit achtundzwanzig hatte Anna das für Verlässlichkeit gehalten. Sie, die mit ihrer Mutter allein aufgewachsen war, hatte in dieser lauten, großen Sippe ihres Mannes zunächst etwas gesehen, wonach sie sich gesehnt hatte: einen sicheren Hafen.

Nur war dieser Hafen in Wahrheit eine Piratenbucht gewesen.

Sie erinnerte sich an ihren ersten richtig großen Auftrag: eine Hochzeitstorte mit drei Etagen. Dreißig Kilo schwer. Aufwendige Verzierungen aus Zuckerblumen, filigrane Ranken, makellose Creme. Zwei Nächte lang hatte sie kaum geschlafen. Ihre Beine hatten so geschmerzt, dass sie sich kaum noch aufrecht halten konnte. Am Ende hielt sie zum ersten Mal eine Summe in den Händen, die sich nach echtem Erfolg anfühlte.

Noch am selben Abend hatte Sebastian das Geld an Markus „verliehen“, damit der sich einen alten Ford Transit kaufen konnte. Damit, so hatte Markus großspurig verkündet, werde er Lieferfahrten übernehmen und „richtig Kohle machen“. Der Ford Transit verrottete später im hinteren Bereich des Feriengrundstücks, ohne je eine einzige bezahlte Tour gefahren zu sein. Das Geld sah Anna selbstverständlich nie wieder.

„Du bist doch nicht kleinlich, Anna, oder? Wir sind doch Familie“, hatte Sebastian damals gemurmelt und ihr schuldbewusst einen Kuss auf den Scheitel gedrückt.

Und sie hatte es geglaubt. Sie hatte geglaubt, Liebe müsse Opfer bringen. Eine gute Ehefrau halte durch, unterstütze, verzeihe. Rettersyndrom, angerührt mit Angst vor Einsamkeit.

Sie hatte geschwiegen, wenn ihre Schwiegermutter ohne Klopfen in die Wohnung gekommen war und mit spitzen Fingern über die Schrankoberflächen gestrichen hatte, um Staub zu finden. Sie hatte es hingenommen, wenn Katharina Stein bei jedem Familienessen laut fragte, wann Anna denn endlich „ein Kindchen“ bekommen wolle, schließlich ticke die Uhr und man könne sich ja nicht ewig nur mit Törtchen beschäftigen. Sie hatte sich zusammengerissen, wenn Markus unangekündigt auftauchte, den Kühlschrank aufriss und den teuren Mascarpone wegfutterte, den sie für Kundenaufträge gekauft hatte, um dann mit vollem Mund zu sagen: „Für den Bruder wird’s ja wohl reichen, stell dich nicht so an.“