Geschichte
„Und vergiss nicht, noch das Grünzeug abzuwaschen, du Schmarotzerin!“ bellte er — Paul kicherte in seinen Becher, Laura erstarrte

„Und vergiss nicht, noch das Grünzeug abzuwaschen, du Schmarotzerin!“ bellte er — Paul kicherte in seinen Becher, Laura erstarrte

Diese familiäre Herablassung war grausam und beschämend.

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2 063 Leser 11 Seiten ~3 Min.

— Bedienstete essen erst, wenn die Herrschaften fertig sind! — Daniel Schubert bellte es so laut über das ganze Gartengrundstück, dass selbst am schiefen Zaun noch jedes Wort zu hören gewesen sein musste.

Mit seinen fleischigen Fingern, unter deren Nägeln dunkle Ränder klebten, riss er den Teller an sich und knallte ihn vor sich auf den Tisch, als hätte er gerade eine Kriegsbeute erobert. Der Stuhl unter seinem Gewicht stöhnte erbärmlich auf. Der fünfunddreißigjährige Mann, dessen größte Leistung im Leben darin bestand, mit donnernder Stimme über die Fehler anderer Leute zu urteilen, ließ den Blick triumphierend über die Runde gleiten.

— Und vergiss nicht, noch das Grünzeug abzuwaschen, du Schmarotzerin! — setzte er nach, lehnte sich behäbig zurück und schob sich ein Stück Fleisch in den Mund. Bratensaft lief ihm aus dem Mundwinkel.

Über dem Grill, der kaum drei Meter vom Tisch entfernt stand, flimmerte die Hitze. Es roch nach Grillanzünder, nach dem billigen Parfüm der Cousine Emma Baumann und nach der alten, feuchten Muffigkeit des hölzernen Wochenendhauses. Fünfzehn Menschen saßen um den Tisch herum: die gesamte ausufernde Verwandtschaft ihres Mannes, zusammengekommen zum alljährlichen „Start in die Gartensaison“. Sabine Krüger erstarrte mit einem Stück Gurke vor den Lippen. Matthias Lang räusperte sich heiser, stellte sein Schnapsglas aber nicht ab. Die übrigen verstummten.

Alle sahen Laura Hermann an.

Laura Hermann dagegen sah Paul Walter an.

Ihren Mann. Den Menschen, mit dem sie das Bett teilte, den Kredit für die Wohnung und fünf Jahre ihres Lebens. Er saß ihr gegenüber und hielt einen dünnen Plastikbecher mit billigem Bier in beiden Händen. Paul senkte den Blick. Seine Mundwinkel zuckten, dann krochen sie nach oben. Kurz und gepresst kicherte er in seinen Becher hinein, als wäre das Ganze bloß ein besonders gelungener Familienwitz. Männliche Einigkeit. Brüderliche Verbundenheit, die eine Ehefrau, der angeblich der Humor fehlte, gefälligst nicht zu stören hatte.

In Lauras Kopf wurde es mit einem Mal vollkommen still. Das Stimmengewirr verschwand, ebenso das Summen der Wespen über der süßen Limonade. In dieser schneidenden, fast klingenden Stille betrachtete sie ihre Hände. Am rechten Zeigefinger leuchtete eine frische Verbrennung, die sie sich an einem heißen Backblech zugezogen hatte — gestern Nacht um zwei, als sie Biskuitböden für einen eiligen Auftrag aus dem Ofen geholt hatte. Unter den Nägeln saß trotz gründlichen Waschens noch ein hauchfeiner, kaum sichtbarer Staub aus belgischem Kakao. Diese Hände formten zarte Blüten aus Fondant, kneteten schweren Teig, setzten mehrstöckige Hochzeitstorten zusammen, damit sie all das hier bezahlen konnte.

„Schmarotzerin.“

Das Wort blieb in der heißen Luft hängen, zäh, klebrig, widerwärtig.

Laura war keine Schmarotzerin. Nicht einen einzigen Tag in ihren dreiunddreißig Lebensjahren.

Die Anatomie eines Picknicks

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