Markus brachte seine Mutter hinunter zum Auto und verstaute die Koffer im Kofferraum. Hannah blieb am Fenster stehen und sah zu, wie der Wagen davonfuhr. In ihrer Brust breitete sich ein seltsames Gemisch aus Befreiung und Unruhe aus.

Als Markus zurückkam, fand er sie im Schlafzimmer. Sie saß auf der Bettkante und hielt ein Foto in den Händen: ihr Hochzeitsbild.

„Hannah“, begann er vorsichtig, „bereust du es?“

„Was genau?“ fragte sie, ohne den Blick von dem Foto zu lösen.

„Dass du so hart zu meiner Mutter warst.“

Nun hob sie den Kopf und sah ihn direkt an.

„Und du? Bereust du, dass du ein ganzes Jahr lang zugelassen hast, dass sie mein Leben in einen Albtraum verwandelt?“

Markus setzte sich langsam neben sie.

„Ich dachte wirklich, sie wollte nur helfen.“

„Helfen?“ Hannah lachte leise, aber ohne Freude. „Hilfe ist, wenn man vorher fragt. Wenn jemand ungefragt über fremde Dinge, fremde Räume und fremde Entscheidungen bestimmt, nennt man das nicht Hilfe. Das ist Besitzergreifung.“

Eine Weile schwiegen sie beide. Markus ließ den Blick durch die Wohnung schweifen, als sähe er sie zum ersten Mal richtig. Und tatsächlich: In diesem einen Jahr war kaum etwas geblieben, wie es gewesen war. Überall standen die kleinen Dekorationen seiner Mutter, an den Wänden hingen ihre Bilder, selbst die Möbel waren nach ihrem Geschmack verrückt worden.

„Weißt du“, sagte er schließlich, „mir fällt erst jetzt auf, wie wenig hier noch nach dir aussieht.“

Hannah nickte langsam.

„Ich habe mich gefühlt wie ein Gast in meinem eigenen Zuhause. Jeden Tag musste ich mir das Recht auf meine Meinung, meine Gewohnheiten und meine Sachen neu erkämpfen.“

„Und Mama… glaubst du wirklich, sie kommt allein zurecht?“

„Natürlich kommt sie zurecht.“ Hannah stand auf und ging zum Fenster. „Du hast doch gesehen, mit welcher Begeisterung sie unser Zuhause umgekrempelt hat. Diese Frau hat Energie für zehn Menschen.“

Markus trat neben sie ans Fenster.

„Sie hat angerufen“, sagte er leise. „Sie meinte, sie werde uns vermissen.“

Hannah erwiderte nichts. Ihr Blick blieb auf den Lichtern der Stadt liegen, die langsam in der Abenddämmerung aufglühten. In ihrem Kopf kreiste nur ein Gedanke: Morgen würde sie zum ersten Mal seit einem Jahr aufwachen, ohne sofort beurteilt zu werden. Kein Kommentar zum Frühstück. Kein Hinweis darauf, wie man ein Bett „ordentlich“ machte. Keine fremde Stimme, die in jeden Winkel ihres Alltags hineinregierte.

„Hannah“, sagte Markus und legte ihr die Arme um die Schultern, „es tut mir leid. Ich hätte mich viel früher vor dich stellen müssen.“

Sie ließ seine Umarmung zu, doch ihre Stimme blieb ruhig.

„Ja. Das hättest du.“ Einen Moment schwieg sie. „Aber du hast es nicht getan. Du hattest mehr Angst davor, deine Mutter zu verletzen, als davor, mich zu verletzen.“

Markus senkte den Kopf.

„Ich dachte, du kommst irgendwie damit klar.“

„Ich bin damit klargekommen“, antwortete Hannah und drehte sich zu ihm um. „Bis heute. Als sie meine Sachen weggeworfen hat, war die Grenze erreicht. Das war nicht einfach nur Einmischung. Das war eine Demütigung.“