„Den Staubsauger brauche ich dort dringender“, warf er im Vorbeigehen ins Wohnzimmer. „Sie hat eine Katze, überall Haare. Und du kommst schon klar. Deine Wohnung wird ja sowieso nicht groß sein.“

Lena sagte nichts. Sie schlug nur eine Seite um. Der Saugroboter tat ihr nicht leid. Eigentlich tat ihr für diesen Menschen überhaupt nichts mehr leid.

Als die Tür hinter Lukas ins Schloss fiel, breitete sich in der Wohnung eine schwere, beinahe klingende Stille aus. Lena legte das Buch beiseite, trat ans Fenster und presste die heiße Stirn gegen die kühle Scheibe. Unten im Hof blitzten die Scheinwerfer des vertrauten SUV auf. Der Wagen rollte langsam davon und nahm den Mann mit, der sich vierzehn Jahre lang als ihr Fels in der Brandung bezeichnet hatte.

Erst jetzt erlaubte Lena sich, tief auszuatmen.

Sie ging ins Schlafzimmer. Die Schränke standen halb leer, ein paar Kleiderbügel schwankten verloren auf der Stange. Lena trat zu ihrer Seite des Bettes und zog die obere Schublade des Nachttisches auf.

Zwischen Ladekabeln, Handcremes und Notizbüchern lag eine feste blaue Kunststoffmappe. Lena nahm sie heraus, öffnete den Druckknopf und zog mehrere gefaltete Blätter hervor, die von einem nüchternen amtlichen Stempel zusammengehalten wurden. Mit den Fingerspitzen strich sie über das geprägte Wappen.

Acht Jahre zuvor hatte Lukas beschlossen, Unternehmer zu werden. Er kündigte seine Stelle, nahm bei der Bank einen riesigen Kredit auf und verpfändete dafür praktisch alles, was sie besaßen. Danach gründete er eine Firma für Baustofflieferungen.

Als Geschäftsmann war er eine Katastrophe.

Das Geld verschwand schneller, als es hereingekommen war. Die vermeintlichen Partner entpuppten sich als Betrüger, und bald riefen Gläubiger zu jeder Tages- und Nachtzeit auf dem Festnetz an.

Damals hatte Lena, die in einem großen Konzern arbeitete, die Kontrolle übernommen. Sie verkaufte die geerbte Wohnung ihrer Großmutter, löste sämtliche Ersparnisse auf und beglich die Schulden ihres Mannes, um ihn vor Gerichtsverfahren und Inkassobüros zu bewahren. Doch bevor sie die letzte Zahlung leistete, stellte sie eine Bedingung, an der es nichts zu rütteln gab.

Sie fuhren gemeinsam zum Notar.

Lukas war an jenem Tag blass gewesen, eingeschüchtert und zu allem bereit. Er hätte jedes Papier unterschrieben, wenn dadurch nur der Druck der Banken aufhörte.

Lena faltete das Dokument auseinander. Oben stand in klarer Schrift: „Ehevertrag“.

Darin war in juristisch einwandfreier Sprache festgehalten, dass der gesetzliche Güterstand zwischen den Ehepartnern abgeändert wurde. Die Dreizimmerwohnung, die während der Ehe gekauft worden war, jedoch aus dem Erlös von Lenas geerbter Immobilie bezahlt wurde, ging in ihr alleiniges Eigentum über. Dasselbe galt für das kleine Studioapartment, das Lena später von ihren Bonuszahlungen erworben hatte.

Das Wochenendhaus hingegen lief tatsächlich auf Lukas’ Namen. Ebenso der SUV, dessen Kredit laut Vertrag von ihm bedient wurde, auch wenn die Raten in Wirklichkeit regelmäßig von Lenas Konto überwiesen worden waren.