Geschichte
„Wo hat sich deine Frau verkrochen? Lea! Komm her, du brauchst dich da nicht zu verstecken!“ rief Sandra Petrowna und platzte forsch in den Flur

„Wo hat sich deine Frau verkrochen? Lea! Komm her, du brauchst dich da nicht zu verstecken!“ rief Sandra Petrowna und platzte forsch in den Flur

Diese selbstgerechte Dreistigkeit verletzt unsere Hoffnung nachhaltig.

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1 118 Leser 8 Seiten ~4 Min.

— Wo hat sich deine Frau verkrochen? Lea! Komm her, du brauchst dich da nicht zu verstecken!

Sandra Petrowna platzte in den Flur, als gehöre die Wohnung ihr. Kein Klingeln an der Tür, keine Vorwarnung — unten hatte sie nur über die Sprechanlage geklingelt, und Jonas hatte, ohne nachzudenken, den Türöffner gedrückt. Schon zog sie sich den Mantel von den Schultern, hängte ihn an einen fremden Haken und ließ den Blick prüfend über die Diele gleiten, als sei sie gekommen, um eine Baustelle abzunehmen.

Hinter ihr schob sich Theo herein, Jonas’ jüngerer Bruder. Vierundzwanzig Jahre alt, ein ungleichmäßiger Bart im Gesicht, die Turnschuhe voller Schmutz. Er nickte Lea kurz zu, sagte kein Wort und sah sofort in Richtung Küche, als wüsste er längst, weshalb er hier war.

Lea stand im Durchgang zum Wohnzimmer und beobachtete die Szene mit einem Gefühl, für das ihr kein passendes Wort einfiel. Wut war es nicht. Eher eine Kälte, die sich in ihr ausbreitete wie Zugluft an einem grauen Herbstmorgen.

— Jonas hat erzählt, ihr wollt hier renovieren, — verkündete ihre Schwiegermutter und marschierte bereits den Flur entlang. — Da sind wir ja genau im richtigen Moment gekommen. Theo muss sich draußen im Dorf erst einrichten, und bei euch wird sowieso alles neu. Ihr kauft euch das eben nach. Am Geld wird es ja wohl nicht scheitern.

Sie sagte es beiläufig, fast fröhlich, als handle es sich um die selbstverständlichste Sache der Welt. Dann verschwand sie in der Küche.

Lea wandte den Kopf zu ihrem Mann. Jonas lehnte an der Wand und sah aus wie jemand, der längst zugestimmt hatte und nun nur noch nicht wusste, wie er es seiner Frau beibringen sollte.

— Jonas, — sagte sie leise.

Er hob beschwichtigend beide Hände.

— Lea, meine Mutter ist nun mal da. Sie meint es doch nicht böse. Theo hat dieses Haus gemietet, da steht praktisch gar nichts drin. Was ist denn schon dabei?

— Was ist denn schon dabei, — wiederholte Lea tonlos.

Aus der Küche drang inzwischen Sandras Stimme, laut und bestimmend wie die einer Bauleiterin.

— Den Kühlschrank nehmen wir mit, der ist schön groß, genau richtig für Theo. Und der Backofen auch. Der ist eingebaut? Ach, das kriegen die schon heraus. Dieses Induktionsfeld ebenfalls, so etwas hat heute doch jeder.

Lea ging in die Küche. Der matte Einbaukühlschrank von Liebherr saß sauber in seiner Nische. Der Bosch-Backofen, damals sorgfältig ausgewählt und vor drei Jahren gekauft, war bündig in die Küchenzeile eingesetzt. Lea hatte all das selbst bezahlt. Vor der Hochzeit. Zu einer Zeit, in der Jonas in ihrem Leben noch gar keine Rolle gespielt hatte.

— Sandra Petrowna, — sagte sie ruhig, — das sind Einbaugeräte. Die kann man nicht einfach herausreißen. Außerdem wollten wir sie gar nicht ersetzen. Wir tauschen nur die Fronten der Schränke aus.

Ihre Schwiegermutter sah sie an, als hätte Lea gerade etwas vollkommen Absurdes behauptet.

— Na und? Dann bestellt ihr eben neue Einbaugeräte. Jonas hat mir erzählt, was du für Prämien bekommst — mehrere Tausend Euro auf einmal. Ihr lebt gut genug, euch tut das nicht weh. Theo dagegen fängt bei null an, er ist doch gerade erst umgezogen.

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