Andrea versteifte sich.

„Welche Louisa?“

Sabine hob den Blick und sah sie an.

„Eine Freundin. Ich habe mir Geld geliehen, um noch das zu kaufen, was du unbedingt haben wolltest.“

Die Schwiegermutter stieß einen erstickten Laut aus.

Nicht aus Mitleid.

Sondern aus Angst, dass man diese Geschichte weitererzählen könnte.

Jakob streckte die Hand nach dem Handy aus.

Sabine wich zurück.

„Fass es nicht an.“

„Du blamierst mich“, zischte er.

Sabine sah auf den Tisch. Auf die Reste des Essens. Auf die beschmutzte Tischdecke ihrer Mutter. Auf das Geschirrtuch an der Wand. Auf all die kleinen Dinge, mit denen sie jahrelang versucht hatte, aus dieser Wohnung ein Zuhause zu machen.

„Nein, Jakob“, sagte sie ruhig. „Du hast dich selbst aufgenommen.“

Louisa kam siebenundzwanzig Minuten später.

Das war nicht geplant gewesen.

Sabine hatte sie nicht ausdrücklich hergebeten.

Doch als während des Abspielens plötzlich das Handy klingelte und Louisas Name auf dem Display erschien, hatte Sabine ohne nachzudenken abgenommen.

Louisa hörte Jakobs Stimme im Hintergrund.

Sie hörte Andrea.

Sie hörte die Schwiegermutter, die inzwischen schon versuchte, weicher zu klingen.

„Ich komme jetzt“, sagte Louisa.

„Nicht nötig“, antwortete Sabine.

„Doch. Nötig.“

Und sie kam.

Sie trat ohne Lächeln ein, in einer Jacke über einem alten T-Shirt, die Haare zusammengebunden, mit dem Gesicht eines Menschen, der sich keine fremden Ausreden mehr anhören würde.

„Sabine, pack deine Unterlagen ein“, sagte sie.

Jakob lachte auf.

„Welche Unterlagen? Was soll das werden, ein Theaterstück?“

Louisa sah ihn an.

„Ausweis, Bankkarten, Mietvertrag, ihr Arbeitslaptop und sämtliche Quittungen von der heutigen Feier.“

Andrea wurde plötzlich wieder lebendig.

„Sie haben überhaupt kein Recht, sich in Familienangelegenheiten einzumischen.“

„Und Sie haben das Recht, die Frau, die hier alles vorbereitet hat, an ihrem eigenen Tisch zu erniedrigen?“, fragte Louisa ruhig.

Andrea öffnete den Mund.

Zum ersten Mal an diesem Abend fand sie keine schnelle Antwort.

Sabine ging ins Schlafzimmer.

Ihre Hände zitterten.

Aus der Schublade nahm sie ihren Ausweis.

Dann die Bankkarte.

Dann die Mappe mit den Dokumenten.

Danach den Laptop.

Für einen Augenblick setzte sie sich auf die Bettkante.

Hinter der Wand schwollen Stimmen an und fielen wieder ab, doch sie klangen jetzt weit weg, als kämen sie aus einer anderen Wohnung.

Sabine dachte daran, dass morgen Sonntag war.

Daran, dass sie am Montag die Gebühr für ihren Kurs bezahlen musste.

Daran, dass sie sich nicht für sich selbst Geld geliehen hatte, sondern für den Geburtstag eines Mannes, der ihr vor allen anderen befohlen hatte, die Reste zu essen.

Und auf einmal wurde alles einfach.

Schmerzhaft.

Aber einfach.

Mit der Mappe unter dem Arm und dem Laptop in der Hand kehrte sie ins Wohnzimmer zurück.

Jakob sprach inzwischen lauter.

„Du gehst um diese Uhrzeit nirgendwohin.“

„Doch.“

„Das ist auch meine Wohnung.“

„Sie ist gemietet“, sagte Sabine. „Und der Vertrag läuft auf uns beide.“

Andrea fuhr zu ihr herum.

„Du willst jetzt wegen eines einzigen Satzes Besitz aufteilen?“