Obwohl Leon lächelte, wusste Lena genau, worauf er wartete.

Auf einen Anruf.

Von seiner Großmutter.

Doch das Telefon blieb stumm.

Eine Stunde vor Beginn der kleinen Feier klingelte es plötzlich an der Tür.

Leon rannte als Erster los und öffnete.

Draußen standen Michael und Sandra.

In Sandras Händen befand sich diesmal kein riesiger Geschenkkarton, wie sonst. Sie hielt nur einen kleinen Strauß Gänseblümchen.

Lenas Lieblingsblumen.

Für einen Augenblick verstummten alle.

Sandra trat einen Schritt über die Schwelle.

Sie sah Lena lange an, als müsse sie erst den Mut finden, nicht wieder auszuweichen. Dann streckte sie ihr plötzlich den Strauß entgegen.

„Die sind für dich.“

Lena war so überrascht, dass sie einen Moment lang nicht wusste, was sie sagen sollte.

„Danke“, brachte sie schließlich leise hervor.

Wieder senkte sich Stille über den Flur. Sandra rang sichtbar um jedes Wort. Es fiel ihr schwer. Unendlich schwer. Doch zum ersten Mal suchte sie nicht nach Erklärungen, nicht nach Ausreden und nicht nach jemandem, dem sie die Schuld geben konnte.

„Ich bin gekommen, um dich um Verzeihung zu bitten.“

Lena schwieg.

Sandra blickte zu Boden.

„An jenem Sonntag … ich habe etwas Furchtbares gesagt. Ich dachte, ich würde meinen Sohn beschützen. Aber in Wahrheit habe ich den Kindern wehgetan. Und dir auch.“

Sie holte tief Luft, als koste sie der nächste Satz alle Kraft.

„Bitte verzeih mir.“

Im Zimmer wurde es so still, dass man kaum zu atmen wagte. Selbst die Kinder standen reglos da.

Lena betrachtete die Frau vor sich, die sie über Jahre hinweg als ihre größte Gegnerin empfunden hatte. Doch jetzt stand dort keine herrische Schwiegermutter mehr. Da stand eine ältere Frau, beschämt, verletzlich und aufrichtig.

„Danke, dass Sie den Mut gefunden haben, das auszusprechen“, antwortete Lena ruhig.

Sandra nickte kaum merklich.

„Ich verlange nicht, dass du alles vergisst. Ich bitte dich nur um eine Gelegenheit, es besser zu machen.“

In diesem Augenblick geschah etwas, womit niemand gerechnet hatte.

Emilia lief zu ihrer Großmutter und blieb direkt vor ihr stehen.

„Wirst du Mama jetzt nie wieder traurig machen?“

Sandra ging vor dem Mädchen in die Hocke.

„Nein“, sagte sie. „Das werde ich nicht. Ich verspreche es dir.“

„Ganz sicher?“

„Ganz sicher.“

Auch Leon trat nun näher. Er sah zwischen den Erwachsenen hin und her, dann sagte er mit ernster Stimme:

„Dann kommt rein. Heute ist mein Geburtstag. Und ich möchte, dass alle zusammen sind.“

An diesem Nachmittag saßen sie zum ersten Mal seit vielen Jahren an einem festlich gedeckten Tisch, ohne dass jemand stichelte, ohne bissige Bemerkungen, ohne dieses schwere Schweigen, das früher immer zwischen ihnen gelegen hatte.

Als Lena später Tee brachte, sah Sandra sie zögernd an.

„Darf ich dir helfen?“

Lena lächelte erstaunt.

„Natürlich.“

In der Küche standen sie eine Weile nebeneinander, ohne viel zu sagen. Schließlich begann Sandra leise:

„Weißt du … als Michael geboren wurde, war ich überzeugt, niemand könnte ihn je so sehr lieben wie ich. Dann kamst du in sein Leben. Und statt mich darüber zu freuen, wurde ich eifersüchtig.“