— Mach dir keine Sorgen, Mama. Ich funktioniere mit Solarenergie — versuchte Johanna zu witzeln. Sie wollte ihrer Mutter nicht sagen, dass sie inzwischen kaum noch Lust hatte, nach Hause zu gehen. Ihr Vater hatte es sich dort vollständig bequem gemacht; er stand ja nicht einmal mehr vom Sofa auf. Johanna musste an die Woche denken, die sie ohne ihre Mutter daheim verbracht hatten.

— Junge Dame, die Spüle läuft über! Es gibt keinen einzigen sauberen Teller mehr. Wird es nicht langsam Zeit, dass du hier ein bisschen Ordnung machst? Und komm mir nicht wieder damit, dass du lernen musst! — hatte Leon sie angefahren, kaum dass sie zur Tür hereingekommen war.

— Johanna, ich bin völlig zugeschüttet — rief er später aus seinem Zimmer. — Koch doch mal ein paar Klöße! Ich habe wichtige Arbeit zu erledigen!

Johanna war leise hinter ihn getreten und hatte gesehen, worin diese „wichtige Arbeit“ bestand: in einem Computerspiel. Zwar klickte Leon das Fenster hastig weg, sodass plötzlich Diagramme und Zahlenkolonnen auf dem Bildschirm erschienen, doch das machte Johannas Ärger nur größer.

— Könntest du nicht wenigstens einmal Mama besuchen? — fragte sie und bemühte sich, ruhig zu bleiben.

— Wozu? Du gehst doch sowieso hin. Warum sollen wir da beide antanzen? Am Ende bildet sie sich noch ein, sie sei eine Königin und alle müssten ihr jeden Wunsch von den Augen ablesen. Außerdem liegt sie schon viel zu lange dort. Operation, pah! Tabletten hätte sie auch zu Hause nehmen können!

— Im Moment bin eher ich diejenige, die dir jeden Wunsch erfüllt — platzte Johanna heraus. — Wie hat Mama es nur so lange mit dir ausgehalten?

— Ach, du hast auf einmal eine Stimme? — fragte Leon mit finsterer Miene. — Willst du mir jetzt etwa Vorschriften machen? Wenn es dir nicht passt, dort ist die Tür! Man füttert dich, gibt dir ein Dach über dem Kopf, bezahlt deine Ausbildung…

— Ich studiere selbst — erinnerte Johanna ihn kalt — und falls du es vergessen hast: mit Stipendium. Und wo die Tür ist, weiß ich sehr genau. Sobald ich Arbeit finde, bleibe ich keinen einzigen Tag länger hier!

— Na, na — Leon verzog den Mund zu einem spöttischen Lächeln. — Ich bin gespannt, wie du nach einer Woche angekrochen kommst und wieder einziehen willst. Bis dahin wohnst du aber noch hier, also bring mir einen Kaffee!

All das wollte Johanna ihrer Mutter nicht erzählen. Sie durfte Amelie nicht noch zusätzlich aufregen. Sonst käme sie am Ende noch viel zu früh aus dem Krankenhaus.

Das hätte alles nur noch schlimmer gemacht.

— Und was ist mit Papa? Ist er wirklich so furchtbar eingespannt, dass er kein einziges Mal vorbeikommen konnte? — Diese Frage ließ Amelie all die Tage nicht los, während sie im Krankenhausbett lag. Sie lächelte schwach. — Ansteckend bin ich ja nicht.

— Er kommt kaum vom Computer weg — antwortete Johanna. Es war nicht die ganze Wahrheit, aber gelogen war es auch nicht.

— Die anderen Männer laufen hier mehrmals am Tag zu ihren Frauen — flüsterte Amelie ihrer Tochter zu. — Mich hat man schon gefragt, ob ich überhaupt verheiratet bin, weil ihn noch niemand gesehen hat.