Emilia hob die Augenbrauen und unterbrach endlich ihre Suche.
— Wo denn dann? Ich merke doch, dass etwas nicht stimmt. Ich begreife nur noch nicht, was.
— Bei meiner Mutter! — Lukas ließ sich in den Sessel fallen. — Überall sonst ist alles in Ordnung! Nur sie … sie ist meine Achillesferse. Und sie nutzt das aus, wie es ihr gerade passt.
— Ach komm, sie ist deine Mutter — sagte Emilia und setzte sich neben ihn. — Daran ist nichts Ungewöhnliches. Egal, wie alt man wird, Eltern bleiben nun einmal ein empfindlicher Punkt.
— Bei mir ist es kein Punkt. Bei mir ist es ein ganzer blauer Fleck.
— So schlimm? Meine Eltern können auch manchmal Dinge sagen oder tun, bei denen ich mir nur noch an den Kopf fasse. Das ist doch nicht …
— Hat deine Mutter sich schon einmal einen Mann geangelt, der bis zum Hals in Schulden steckte, dann einen Kredit aufgenommen und ihre eigene Wohnung als Sicherheit eingesetzt, nur um seine Verbindlichkeiten zu bezahlen? Und als sie seine Probleme aus der Welt geschafft hatte, ist der Kerl einfach verschwunden?
— Oh … — Emilia spannte sich an wie eine Saite.
— Genau. „Oh“ trifft es ziemlich gut — seufzte Lukas schwer.
— Und was jetzt? Was will Stefanie Winter von dir?
— Sie möchte, dass ich ihre ganze Schuld auf mich nehme, weil ich ja ihr Sohn bin. Die Wohnung soll auf mich übergehen. Und außerdem verlangt sie noch, dass …
— Da ist er! — rief Emilia plötzlich und zog triumphierend einen breiten schwarzen Gürtel aus dem Schrank. Im selben Moment klingelte ihr Handy. — Ja, Marina … Du bist schon da? Ich komme sofort! Okay, gleich!
Sie legte hastig auf und begann in Eile ihre Sachen zusammenzuraffen.
— Entschuldige, Schatz …
— Schon gut, ich verstehe.
— Also … was verlangt sie noch? — fragte Emilia, während sie den Gürtel in ihre Konzerttasche stopfte.
— Sie will, dass du deine Wohnung verkaufst.
… und mit dem Geld ihre Schulden begleichst. Und wir sollen dann vorübergehend zu ihr ziehen, bis wir uns etwas Eigenes leisten können. Kurz gesagt, im Moment läuft es auf genau diesen Vorschlag hinaus. Wobei ich natürlich begreife, dass das …
Lukas Sommer merkte nicht einmal sofort, wie sich Emilias Gesichtsausdruck veränderte. Die Wärme verschwand daraus, als hätte jemand eiskaltes Wasser darübergegossen. Ihre Augen wurden hart, verschlossen, beinahe fremd.
— Was genau habt ihr zwei da ausgeheckt, du und deine liebe Mama? — fragte sie mit frostiger Stimme. — Meine Wohnung verkaufen, damit ich die Schulden irgendeiner fremden Person bezahle?
— Was? — Lukas blinzelte, als hätte er den Sinn ihrer Worte nicht gleich erfasst.
— Du hast mich sehr wohl verstanden! — fuhr Emilia auf und schlüpfte hastig in ihre Schuhe. — Ich werde meine Wohnung niemals verkaufen, nur damit andere es bequem haben! Niemals, Lukas! Merk dir das ein für alle Mal. Und richte es deiner Mutter gleich mit aus. Lange genug habe ich mir ihre Gemeinheiten gefallen lassen, ihre ständigen Sticheleien und diese herablassende Art mir gegenüber. Aber ab jetzt …
— Ich wusste doch, dass du nicht zustimmen würdest! — versuchte Lukas sofort zu beschwichtigen. — Und das sind nicht unsere gemeinsamen Schulden, sondern ihre. Mir gehört an dieser Wohnung nicht einmal ein Anteil, also …