Am Tag der Eröffnung standen Tische mit regionalen Speisen bereit. Musik erklang, Kinder liefen zwischen den Erwachsenen umher, und viele der Angestellten waren mit ihren Familien gekommen. Julia ging zwischen ihnen hindurch, ohne sich in den Mittelpunkt zu drängen. Sie begrüßte jeden mit Namen, fragte nach den Kindern, nach der Anreise, nach kleinen Details, die sonst kaum jemand beachtet hätte.
Jakob trat mit zwei Gläsern Mineralwasser neben sie.
„Gibt es etwas, das du bereust?“, fragte er leise.
Julia ließ den Blick über die Bergkämme wandern, die im späten Licht beinahe golden wirkten.
„Ja“, sagte sie schließlich. „Dass ich so viel Zeit gebraucht habe, um zu begreifen, wo meine Grenze liegt.“
Auf der anderen Straßenseite kam Sebastian gerade von der Arbeit zurück. In beiden Händen trug er Werkzeugkisten. Seine Kleidung war staubig, seine Schultern wirkten schwer. Als Applaus aufbrandete, hob er den Kopf und sah zum Eingang des Hotels hinüber.
Dann erkannte er sie.
Julia stand vor einem hölzernen Schild mit dem Namen des Hotels. Sie lächelte ruhig, während sie das Band durchschnitt und die Gäste applaudierten.
Für einen kurzen Augenblick sah Sebastian nicht die erfolgreiche Frau vor sich, sondern die Julia von früher: erschöpft nach einem langen Arbeitstag, mit blassem Gesicht und dennoch zuerst mit der Frage auf den Lippen, ob alle gegessen hätten. Er erinnerte sich an Rechnungen, die sie ohne Klage bezahlt hatte. An Gefallen, die sie erwiesen hatte, ohne je eine Gegenleistung zu verlangen. An die unzähligen Male, in denen seine Mutter sie herabgewürdigt und nutzlos genannt hatte. An Hannahs spöttische Bemerkungen, an ihr Gelächter, an die Verachtung, die in diesem Haus so selbstverständlich gewesen war.
Und stärker als alles andere kam ihm jener Moment wieder in den Sinn, in dem seine eigene Hand Julias Gesicht getroffen hatte.
Julia hob zufällig den Blick und bemerkte ihn auf der anderen Seite der Straße.
Für einige Sekunden sahen sie einander an.
Sebastian stellte die Werkzeugkisten neben sich auf den Boden. Er wartete. Auf ein Lächeln vielleicht. Auf Zorn. Auf einen Vorwurf. Auf irgendeine Reaktion, die ihm zeigte, dass noch etwas zwischen ihnen stand.
Aber Julia betrachtete ihn nur so, wie man jemanden ansieht, der keine Macht mehr über das eigene Leben besitzt.
Dann drehte sie sich zu ihren Mitarbeitern zurück.
„Kommt“, sagte sie. „Unsere Gäste warten.“
Die Türen des Hotels schlossen sich langsam hinter ihr.
Sebastian blieb auf der Straße stehen, unfähig, sich zu rühren. Aus Richtung seines Hauses rief Christina nach ihm. Hannah stritt in diesem Moment lautstark mit jemandem über den Preis einiger Medikamente.
Alles nahm seinen Lauf.
Nur kreiste dieses Leben nicht länger um Julia.
Am Abend saß sie auf der Terrasse des Hotels mit einigen Menschen zusammen, die an dem Projekt beteiligt gewesen waren. Über den Tischen hingen kleine Lichter, aus dem Tal drang vereinzeltes Stimmengewirr herauf, und zwischen den Bergen lag eine Stille, die nicht leer, sondern friedlich war.