Ihre Aussage machte deutlich, dass das, was mir widerfahren war, kein einmaliger Ausrutscher gewesen war. Es gehörte zu einem Muster, das sich in dieser Familie schon früher gezeigt hatte.
Florians Lächeln verschwand.
Eine Woche darauf fand die erste Anhörung wegen der Schutzmaßnahmen statt. Florian erschien mit seinen Eltern und einem privaten Anwalt. Dieser versuchte, meine Erfahrung in Selbstverteidigung gegen mich zu verwenden und mich als Gefahr darzustellen.
„Frau Hermann war meinem Mandanten technisch überlegen“, erklärte er.
Meine Rechtsberaterin blieb vollkommen ruhig.
„Dass jemand gelernt hat, sich zu schützen, nimmt ihm nicht das Recht auf Notwehr. Entscheidend ist nicht, wer besser trainiert war. Entscheidend ist, von wem der Angriff ausging und ob die Reaktion dazu diente, ihn zu beenden.“
Der ärztliche Befund, die Nachrichten und Hannahs Aussage hatten mehr Gewicht als Florians gespielte Empörung. Die Schutzanordnung wurde bestätigt. Ihm wurde verboten, sich dem Haus meiner Mutter zu nähern.
Auch die gefälschten Unterlagen wurden an die Ermittlungsstelle weitergegeben. Gleichzeitig bestätigte das Katasteramt schriftlich, dass das Grundstück meiner Mutter seit über zwanzig Jahren mit genau denselben Grenzen eingetragen war. Der angebliche Streifen Land, den die Familie Fuchs für sich beanspruchte, hatte nie existiert.
Paul Krüger wurde vorläufig von seinem Amt entbunden, solange geprüft wurde, welche Rolle er gespielt hatte. Die Arbeiter sagten aus, Friedrich Zimmermann habe sie bezahlt.
Als diese Nachricht die Runde machte, veränderte sich etwas im Dorf. Menschen, die noch kurz zuvor leiser gesprochen hatten, sobald ich vorbeiging, grüßten mich plötzlich offen.
Mehrere Frauen suchten das Gespräch mit mir. Sie erzählten Dinge, die sie vorher nie laut ausgesprochen hatten.
Von einem Ehemann, der jeden einzelnen Euro kontrollierte.
Von einem Schwiegervater, der drohte, ihnen die Kinder wegzunehmen.
Von einer Mutter, die ihre Tochter drängte, alles zu ertragen, nur damit die Nachbarn nichts zu reden hatten.
Nicht jede von ihnen war bereit, den nächsten Schritt zu gehen und Anzeige zu erstatten. Ich versuchte nicht, sie dazu zu überreden. Ich schrieb ihnen nur die Adresse des Zentrums auf, das mir geholfen hatte, und sagte ihnen, dass sie dort nicht erklären müssten, warum sie erst jetzt kämen.
Parallel dazu reichte ich die Scheidung ein.
Florian stellte sich anfangs quer. Er behauptete, ich könne eine Ehe nicht schon eine Woche nach der Hochzeit verlassen und müsse ihm außerdem das Geld ersetzen, das seine Familie für die Feier ausgegeben hatte.
Sein eigener Anwalt musste ihm schließlich erklären, dass eine Hochzeitsfeier keinen Anspruch auf Gehorsam begründet und dass niemand gesetzlich verpflichtet ist, verheiratet zu bleiben, nur weil andere viel Geld ausgegeben haben.
Bei der Anhörung vor dem Familiengericht versuchte Victoria Wagner, sich einzumischen.
„Mein Sohn hat einen Fehler gemacht, weil er betrunken war“, sagte sie. „Früher wussten Frauen noch, was Verzeihen bedeutet.“