Geschichte
„Wir? Oder ich?“ fragte sie und stellte die Tasse so abrupt auf den Tisch, dass der Löffel klirrte

„Wir? Oder ich?“ fragte sie und stellte die Tasse so abrupt auf den Tisch, dass der Löffel klirrte

Diese demütigende Ungerechtigkeit fühlt sich unerträglich an.

❦
858 Leser 9 Seiten ~3 Min.

— Am Samstag bist du um fünf fertig — sagte Oskar, ohne sich auch nur die Jacke auszuziehen. — Und fahr bitte schon früher zu meinen Eltern. Mama schafft das nicht allein. Sie braucht Hilfe mit den Salaten, dem Hauptgericht und dem Tischdecken.

Amelie drehte sich zu ihm um. Oskar hatte nicht gefragt, ob sie überhaupt mitkommen wollte. Er hatte bereits festgelegt, wann sie dort zu erscheinen hatte und welche Aufgaben in der Küche auf sie warteten.

— Ich gehe nicht hin — sagte sie ruhig.

Oskar war gerade dabei gewesen, sich zu den Schnürsenkeln hinunterzubeugen, hob aber sofort den Kopf.

— Was?

— Ich fahre nicht zu deinen Eltern. Nicht um fünf, nicht früher und auch nicht später.

Er richtete sich auf, zog die Jacke aus und warf sie über die Stuhllehne.

— Amelie, fang nicht schon wieder an. Papa hat Geburtstag. Es kommen Leute. Mama ist sowieso schon völlig nervös.

— Und was glaubst du, wie es mir geht? Als wäre ich im Erholungsurlaub?

— Was hat das jetzt mit dir zu tun? — Seine Stirn legte sich in Falten. — Es geht um die Familie. Da müssen wir dabei sein.

Amelie stellte ihre Tasse so abrupt auf den Tisch, dass der Löffel darin klirrend gegen den Rand schlug.

— Wir? Oder ich?

Sofort kam ihr das letzte Familienfest wieder in den Sinn.

Damals hatte Elisabeth sie ebenfalls gebeten, „ein klein wenig mit anzupacken“. In dem Wochenendhaus war beinahe die gesamte Verwandtschaft zusammengekommen: Oskars Schwester mit den Kindern, eine Tante aus Chemnitz, ein Cousin, Nachbarn und noch ein paar Bekannte. Schon unterwegs hatte die Schwiegermutter Amelie eine ganze Liste von Aufgaben aufgezählt: Fleisch vorbereiten, Gemüse schneiden, den Tisch im Pavillon decken, Geschirr herausstellen, Kuchen im Blick behalten, auf die Kinder achten. Oskar saß am Steuer und nickte nur. Amelie hatte noch versucht zu scherzen, sie sei offenbar als Aushilfe eingestellt worden. Niemand lachte. Oskar sagte lediglich: „Du bist doch schnell mit so was.“ Kaum waren sie angekommen, schickte Elisabeth die Männer zum Grill, während Amelie ohne Umwege in die Küche dirigiert wurde.

Und genau so lief es dann auch. Fast den ganzen Tag pendelte Amelie zwischen Küche und Gartenpavillon hin und her. Sie schnitt Salate, schleppte Teller, wischte verschütteten Saft auf, sammelte leere Flaschen ein und passte auf, dass die Kinder nicht mit den Fingern im Kuchen landeten. Oskars Schwester saß bei den Gästen, die Männer kümmerten sich erst um die Grillspieße und setzten sich danach ebenfalls gemütlich an den Tisch. Amelie aß hastig im Stehen neben der Spüle. Am Abend begann Elisabeth vor versammelter Runde, an ihr herumzukritisieren. Zuerst ging es um die Mayonnaise im Salat, dann um ihr Kleid, danach um den Staub in der Wohnung. Als Amelie bat, solche Dinge nicht vor den Gästen zu besprechen, antwortete ihre Schwiegermutter: „Wenn du eine ordentliche Hausfrau wärst, müsste man dich nicht erziehen. So eine Frau hatten wir uns für unseren Sohn nicht vorgestellt.“

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