„Ich bin betrogen worden“, sagte sie.

Lukas atmete schwer aus.

„Wie viel?“

„Acht.“

„Acht was?“

„Acht Tausend.“

„Woher hattest du das Geld?“

Sabine begann zu weinen.

Nach und nach kam heraus: 3.000 Euro waren ihre eigenen Ersparnisse gewesen. 5.000 Euro hatte sie als Kredit aufgenommen.

„Ich kann das nicht zurückzahlen.“

Dann sah sie Julia an.

Mit genau diesem Blick.

Julia erkannte ihn sofort.

So hatte Sabine immer geschaut, kurz bevor sie um etwas bat.

„Julia…“

„Nein.“

„Ich habe doch noch gar nichts gesagt.“

„Und ich habe schon geantwortet.“

„Du willst also eine ältere Frau in der Not im Stich lassen?“

„Ich will, dass ein erwachsener Mensch die Verantwortung für seine Entscheidungen trägt.“

„Aber wir sind doch Familie!“

Julia stand langsam auf.

„Familie bedeutet, dass man einander nicht belügt. Familie bedeutet, dass man nicht heimlich die Ersparnisse anderer an sich nimmt. Familie bedeutet auch, dass man nicht jahrelang von Rückenschmerzen erzählt, um Geld zu bekommen, und dann zwei Monatsgehälter der Schwiegertochter für Kosmetikbehandlungen ausgibt.“

„Ich bin eine Frau! Ich wollte einfach gut aussehen!“

„Das durften Sie.“

Julia sah ihr direkt in die Augen.

„Aber von Ihrem eigenen Geld.“

Sabine fuhr zu ihrem Sohn herum.

„Hörst du, wie sie mit mir spricht?“

Lukas schwieg lange.

Dann sagte er:

„Ja. Ich höre es.“

„Und?“

„Sie hat recht.“

Sabine erstarrte.

Damit hatte sie offensichtlich nicht gerechnet.

„Was?“

„Ich habe Julia drei Jahre lang deinetwegen belogen.“

„Deinetwegen?“

„Ja.“

Lukas’ Stimme wurde lauter, aber nicht mehr unsicher.

„Ich habe dir unsere Rücklagen gegeben. Danach habe ich zugelassen, dass Julia deine Ausgaben bezahlt. Du wusstest, dass sie abends zusätzlich arbeitet. Du wusstest, dass wir selbst für eine Wohnung sparen. Und trotzdem hast du immer weiter verlangt.“

„Ich bin deine Mutter!“

„Genau deshalb konnte ich dir all die Jahre kein Nein sagen.“

Sabine wurde blass.

„Also hast du dich für deine Frau entschieden.“

„Nein, Mama.“

Lukas rieb sich erschöpft über das Gesicht.

„Ich entscheide mich zum ersten Mal dafür, für das geradezustehen, was ich selbst angerichtet habe.“

Nach diesem Gespräch glaubte Julia, das Schlimmste sei vorbei.

Doch das eigentliche Gespräch stand ihnen noch bevor.

Drei Tage später kam Lukas mit einem Umschlag nach Hause.

„Was ist das?“, fragte Julia.

„Sieh es dir an.“

Er hatte das Auto verkauft.

Julia hob den Blick von den Unterlagen.

„Warum?“

„Ich zahle dir dein Geld zurück.“

„Welches Geld?“

„Die 8.700 Euro.“

„So viel war der Wagen doch gar nicht wert.“

„Einen Teil bekommst du sofort. Den Rest überweise ich dir jeden Monat.“

„Lukas …“

„Nein, bitte. Hör mir zu.“

Er setzte sich ihr gegenüber an den Tisch.

„Ich habe mir jahrelang eingeredet, ich würde nur meiner Mutter helfen. Ich sei ein guter Sohn. Aber dieser gute Sohn hat seine Großzügigkeit ausgerechnet mit fremdem Geld bezahlt.“

Julia schwieg.

„Es war bequem für mich“, sagte er leiser. „Mama bat um etwas, ich versprach es. Und du hast es am Ende getragen. Vor ihr stand ich als fürsorglicher Sohn da, und selbst musste ich kaum auf etwas verzichten.“