Geschichte
„Warum mussten sich deine Eltern überhaupt noch eine Wohnung anschaffen?“ empörte sich Christina Engel, ich stand fassungslos da und Noah starrte stumm auf seinen Teller

„Warum mussten sich deine Eltern überhaupt noch eine Wohnung anschaffen?“ empörte sich Christina Engel, ich stand fassungslos da und Noah starrte stumm auf seinen Teller

Unverschämt und bewegend zugleich, diese kalte Verurteilung.

❦
1 134 Leser 5 Seiten ~3 Min.

„Warum mussten sich deine Eltern überhaupt noch eine Wohnung anschaffen?“, empörte sich meine Schwiegermutter. „Dieses Geld hätten sie lieber für etwas Vernünftiges zurücklegen sollen. Ein Dach über dem Kopf habt ihr schließlich längst.“

Für ein paar Sekunden brachte ich kein Wort heraus. Christina Engel saß mir gegenüber, die Kaffeetasse in der Hand, als hätte sie eben nur eine harmlose Bemerkung über das Wetter gemacht.

Neben ihr saß mein Mann, Noah König, und starrte unbeweglich auf seinen Teller.

Ich fragte mich nur, wie ein ganz gewöhnliches Gespräch innerhalb weniger Minuten in eine so unangenehme Richtung hatte kippen können.

Begonnen hatte alles etwa zwanzig Minuten zuvor.

Meine Eltern, Michael Beck und Katharina Lange, hatten uns gerade eine wunderbare Nachricht erzählt.

Nach fast vierzig Jahren Arbeit hatten sie sich endlich eine kleine Wohnung in der Nähe der Küste gekauft. Nichts Prunkvolles.

Zwei Zimmer, eine offene Küche, ein schmaler Balkon und ein seitlicher Blick auf den Hafen.

Jahrelang hatten sie dafür gespart. Mein Vater hatte bis zu seinem fünfundsechzigsten Lebensjahr als Elektriker gearbeitet. Meine Mutter war Sekretärin in einem Transportunternehmen gewesen.

Sie hatten nie im Überfluss gelebt.

Sie besaßen kein teures Auto. Sie machten keine kostspieligen Reisen.

Designerkleidung kauften sie sich ebenfalls nicht.

Sogar wenn meine Mutter zu uns zu Besuch kam, brachte sie immer irgendetwas fürs Abendessen mit, weil sie, wie sie selbst gern sagte, niemals „mit leeren Händen“ auftauchte.

Gerade deshalb freute ich mich von Herzen für sie, als sie endlich beschlossen, sich diesen alten Wunsch zu erfüllen.

Ich war überzeugt gewesen, Noah würde sich ebenfalls freuen.

Zumindest hatte ich das bis zu diesem Moment geglaubt.

„Sie haben schon sehr lange davon geträumt“, sagte ich so ruhig wie möglich.

Christina Engel zog die Augenbrauen zusammen.

„Aber wozu kauft man in ihrem Alter noch eine Immobilie?“

Meine Mutter stellte ihre Tasse langsam ab.

„Weil wir es wollten.“

„Natürlich, Katharina. Aber ich meine es aus vernünftiger Sicht.“

Mein Vater hob den Blick.

„Aus vernünftiger Sicht?“

Christina Engel nickte.

„Ihr habt doch bereits ein Haus. Theresa Sommer und Noah König haben auch ein Haus. Warum sollte man dann so viel Geld noch in eine weitere Wohnung stecken?“

In mir zog sich etwas zusammen.

„Weil es ihr Geld ist, Christina Engel.“

Sofort wandte sie sich mir zu.

„Selbstverständlich weiß ich, dass es ihr Geld ist. Ich sage ja nur meine Meinung.“

Beinahe hätte ich gelächelt.

Christina Engel sagte immer nur ihre Meinung.

Über unsere Küche.

Über meine Kleidung.

Darüber, wie wir unseren Urlaub planten.

Darüber, wie viel wir jeden Monat zur Seite legten.

Und vor allem über das Geld anderer Leute.

Meine Mutter blieb dagegen erstaunlich gefasst.

„Wir haben die Wohnung nicht als Geldanlage gekauft“, erklärte sie. „Wir möchten einfach jedes Jahr ein paar Monate dort verbringen.“

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