Sie verließ die Wohnung, ohne sich noch einmal umzudrehen. Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss, hart und endgültig, als wäre damit nicht nur ein Streit beendet worden, sondern ein ganzer Abschnitt ihres gemeinsamen Lebens. Lukas blieb mitten im Flur stehen, hilflos, bleich, unfähig, sich zu rühren.

Kurz darauf kam Sabine aufgebracht aus dem Wohnzimmer.

„Siehst du jetzt, was für eine Frau du geheiratet hast? Sie will mich aus der Wohnung jagen!“

„Mama“, sagte Lukas leise. Sein Blick hing noch immer an der geschlossenen Tür. „Luisa hat recht. Ich hätte dich nicht einfach herbitten dürfen, ohne vorher mit ihr zu reden. Und ich hätte sie fragen müssen. Wir beide haben ihre Grenzen übergangen. Und jetzt weiß ich nicht einmal, ob sie überhaupt zurückkommt.“

Zum ersten Mal seit Tagen lag in seiner Stimme kein beleidigtes Selbstmitleid mehr, sondern Einsicht. Eine kalte, unbequeme, aber notwendige Einsicht. Er begriff, dass er feige gewesen war. Dass er seine Frau im Stich gelassen hatte, nur weil er seine Mutter nicht kränken wollte. Dass sein ständiges Ausweichen vor jedem Konflikt ihn nun ausgerechnet in den schlimmsten Konflikt geführt hatte: an den Rand des Scheiterns seiner Ehe.

Drei Tage lang nahm Luisa keinen seiner Anrufe an.

Lukas schlief kaum. Er lag wach, starrte in die Dunkelheit und malte sich aus, was er alles verloren haben könnte.

Sabine fuhr am nächsten Morgen nach Hause, gekränkt und völlig überzeugt davon, nichts Falsches getan zu haben.

Lukas blieb in der stillen Wohnung zurück. Die Möbel standen noch immer dort, wo sie nicht hingehörten, und diese falsche Ordnung machte ihm deutlicher als jede Anschuldigung, was geschehen war. Immer wieder stellte er sich dieselbe Frage: Was war ihm wichtiger — die Zustimmung seiner Mutter oder das Glück mit seiner Frau?

Am Sonntagabend klingelte es.

Lukas sprang so hastig auf, dass der Stuhl hinter ihm über den Boden scharrte. Als er die Tür öffnete, stand Luisa vor ihm. Sie sah müde aus, blasser als sonst, doch in ihren Augen lag eine Festigkeit, die ihn sofort verstummen ließ.

„Darf ich reinkommen?“

„Natürlich“, brachte er hervor und trat zur Seite.

Luisa betrat die Wohnung langsam. Ihr Blick glitt durch das Wohnzimmer, dann weiter zur Küche, wo der Schrank noch immer an der falschen Stelle stand.

„Ist deine Mutter weg?“

„Ja. Gleich am nächsten Morgen.“

Sie nickte knapp. Dann wandte sie sich ihm zu.

„Lukas, ich bin nicht zurückgekommen, weil alles vergeben ist.“ Ihre Worte waren leise, aber jedes einzelne saß. „Ich bin hier, weil ich versuchen will, ob wir das noch retten können. Aber nur unter Bedingungen. Erstens: Du lädst nie wieder jemanden ein, bei uns zu wohnen, ohne dass ich einverstanden bin. Nicht deine Mutter, nicht deinen Bruder, nicht irgendeinen entfernten Cousin. Solche Entscheidungen treffen wir gemeinsam. Oder gar nicht.“

„Ja“, sagte er sofort. „Einverstanden.“

„Zweitens: Du lernst, deiner Mutter Nein zu sagen. Nicht aus Prinzip und nicht wegen jeder Kleinigkeit. Aber wenn es um uns geht, um unsere Ehe, um unser Zuhause und unsere Grenzen, dann stehst du an meiner Seite. Auch wenn es unangenehm wird. Auch wenn sie beleidigt ist.“