„Na, jetzt kennst du den Geschmack meiner Suppe wirklich.“
Ihre Stimme war kaum lauter als ein Flüstern.
Fluchend riss Lukas sich die Jeans von den Beinen. Die Haut darunter war gerötet, doch verbrannt hatte er sich nicht; die Suppe war inzwischen nicht mehr richtig heiß gewesen. Er schleuderte den nassen Stoff auf den Boden, stürmte ins Bad und drehte den Wasserhahn auf kalt.
„Du bist krank!“, brüllte er von dort. „Einfach krank! Das ist doch nicht mehr normal!“
Amelie sagte kein Wort. Sie holte einen Lappen und begann, die ausgelaufene Suppe von den Fliesen aufzunehmen. Die Erbsen waren zu einem schmierigen Brei zertreten, doch es kümmerte sie nicht. Sie wischte, wrang den Lappen über dem Eimer aus und wischte weiter.
Kurz darauf kam Lukas wieder heraus, puterrot im Gesicht, nur in Unterwäsche.
„Ich fahre zu meiner Mutter“, warf er ihr hin, während er an ihr vorbei ins Schlafzimmer stapfte. „Du hast endgültig den Verstand verloren.“
„Dann fahr“, antwortete Amelie ruhig, ohne den Blick vom Boden zu heben.
Er zog sich in aller Eile an, stopfte ein paar Dinge in eine Tasche und griff nach dem Autoschlüssel. An der Wohnungstür blieb er noch einmal stehen.
„Wenn du wieder klar im Kopf bist, rufst du mich an und entschuldigst dich“, sagte er scharf. „Aber diesmal bist du zu weit gegangen, Amelie. Das war nicht mehr normal.“
Sie erwiderte nichts. Die Tür fiel krachend ins Schloss, der Schlüssel drehte sich. Zurück blieb Amelie, allein in der Küche, auf den Knien, den Lappen in der Hand, umgeben von den letzten Pfützen Erbsensuppe.
Sie machte den Boden vollständig sauber. Dann spülte sie den Topf, räumte die Teller vom Tisch, gab Spülmittel auf den Löffel. Jede Bewegung war langsam, gleichmäßig, fast mechanisch, als wäre sie innerlich weit weg.
Danach ging sie ins Schlafzimmer und holte Lukas’ alten Koffer vom Schrank. Sie öffnete den Kleiderschrank und begann, seine Sachen einzupacken: Hemden, Pullover, Socken, Unterwäsche. Ordentlich legte sie alles hinein, sorgfältig, ohne etwas zusammenzuknüllen. Aus dem Bad nahm sie seine Zahnbürste, den Rasierer und das Deo. Vom Schreibtisch sammelte sie seine Unterlagen ein. Dazu kamen das Ladekabel seines Handys und seine Lieblingstasse mit dem Logo seines Fußballvereins.
Bis zum Abend standen im Flur drei Taschen und ein Koffer. Alles, was in dieser Wohnung ihm gehörte, lag nun dort bereit. Amelie nahm ihr Telefon und schrieb einem Schlüsseldienst. Keine Stunde später war der Mann da und wechselte den Schließzylinder aus. Anschließend reichte er ihr zwei neue Schlüsselsätze.
„Falls Sie noch einen dritten brauchen, kann ich den gleich mitmachen“, bot er an.
Amelie schüttelte den Kopf. „Nein. Zwei reichen.“
Den Sonntag verbrachte sie in völliger Stille. Sie las ein wenig, trank Tee und sah lange aus dem Fenster. Lukas rief mehrmals an; jedes Mal drückte sie ihn weg. Danach kamen wütende Nachrichten. Sie öffnete keine einzige. Am Abend schickte er eine Sprachnachricht: „Okay, Amelie, jetzt reicht’s mit dem Schmollen. Morgen nach der Arbeit komme ich vorbei, dann reden wir vernünftig. Ich verstehe ja, du warst müde, du bist ausgerastet. Passiert.“