„Ich weiß es nicht, Mia. Ehrlich nicht. Vielleicht liebe ich den Vater, der er früher einmal war. Den, der dich auf den Schultern zum Maifest getragen hat. Den, der nachts zur Tankstelle gelaufen ist, um mir Eis zu holen, als ich mit dir schwanger war. Aber diesen Mann, der jetzt mit der Faust gegen meine Tür schlägt, den liebe ich nicht. Den kenne ich nicht.“
„Ich auch nicht“, sagte Mia leise. „Ich kenne ihn auch nicht. Gestern hat er mir geschrieben, dass ich, wenn ich auf deiner Seite stehe, von ihm kein Geburtstagsgeschenk bekomme.“
Sabine Beck stellte ihre Tasse so heftig ab, dass ein dunkler Teefleck über die Tischdecke lief.
„Das hat er dir wirklich so geschrieben?“
Mia Möller nickte nur.
„Ich habe nichts darauf geantwortet.“
„Mia“, sagte Sabine und legte ihre Hand um die Finger ihrer Tochter. „Du musst dich für keine Seite entscheiden. Es gibt hier keine Lager. Du bist seine Tochter, und er ist dein Vater. Daran ändert kein Gerichtsurteil der Welt etwas. Er und ich streiten über Geld, über das Auto, über unsere Ehe. Aber dich teilt niemand auf. Hörst du? Du darfst ihn liebhaben. Du darfst ihn treffen. Du darfst wütend auf ihn sein. All das gehört nur dir.“
Mia nickte wieder. Dann brach sie plötzlich in Tränen aus, so heftig, als hätte sie all die Wochen nur darauf gewartet, endlich nicht mehr stark sein zu müssen. Sabine zog sie an sich, hielt sie fest und ließ sie weinen, bis ihr Schluchzen langsam leiser wurde.
Das Verfahren zog sich über zwei Monate hin. Sabine tat genau das, was Frau Borchert ihr geraten hatte. Sie fotografierte den Geländewagen überall dort, wo Lukas Baumann ihn stehen ließ: vor seinem Büro, am Fitnessstudio, in das er neuerdings ging, und vor einem Einkaufszentrum am Stadtrand, wo, wie sich herausstellte, Laura Braun wohnte. Einmal erwischte sie den Wagen sogar vor dem Haus ihrer Schwiegermutter. Lukas war wieder dort gewesen, um Sabine Krüger einzureden, sie solle sich „vor Gericht nicht lächerlich machen“.
Sabine Krüger ließ sich nicht überreden.
An einem Nachmittag bemerkte Sabine Beck auf dem Parkplatz des Einkaufszentrums, dass ein Wachmann sie beobachtete. Es war ein älterer Mann mit grauem Schnurrbart und einer uniformierten Jacke. Er kam auf sie zu, verschränkte die Arme und fragte streng, weshalb sie zum dritten Mal in derselben Woche ein fremdes Auto fotografiere.
Sabine seufzte.
„Es ist nicht fremd. Jedenfalls nicht ganz. Zur Hälfte gehört es mir. Mein Mann hat den Wagen angeblich an einen Freund verkauft, damit er ihn bei der Scheidung nicht mit mir teilen muss. Nur fährt er selbst weiter damit herum. Meine Anwältin hat gesagt, ich soll Beweise sammeln.“
Der Mann schwieg einen Moment und strich sich über den Schnurrbart.
„Meine erste Frau hat so etwas Ähnliches gemacht“, sagte er schließlich. „Damals ging es um eine Garage.“ Dann deutete er mit dem Kinn zu den Kameras. „Hören Sie, die Überwachung läuft hier durchgehend. Die Aufnahmen werden einen Monat gespeichert. Falls das Gericht etwas anfordert, kann ich bestätigen, dass der Wagen fast jeden Abend hier steht. Das Kennzeichen kenne ich inzwischen auswendig.“