„Na also, da sind sie ja.“

Marie hatte sich diesen Augenblick eingebrannt. Wenn es keine Beweise gab, stand am Ende Aussage gegen Aussage — und sie verlor jedes Mal.

Eines Tages, kurz vor dem Mittagessen, verzog Sandra Sommer angewidert das Gesicht und bemerkte:

„Marie, machst du schon wieder Fertigzeug warm? Wie lange soll das denn noch so weitergehen?“

Daniel sagte nichts zu ihrer Verteidigung. Und Marie war an diesem Tag viel zu erschöpft, um sich auf einen Streit einzulassen.

Am nächsten Tag telefonierte Sandra Sommer mitten in der Küche mit einer Freundin und sprach dabei so laut, dass Marie jedes Wort hören musste.

„Meine Schwiegertochter ist völlig unbrauchbar“, erklärte sie mit klagender Stimme. „Der arme Daniel quält sich nur. Aber was soll er machen? Er ist eben gutmütig, ganz wie sein Vater.“

Doch das war, wie sich bald zeigte, erst der Anfang. Nach und nach verschwanden aus Maries Geldbörse kleine Scheine. Zunächst maß sie dem kaum Bedeutung bei. Sie redete sich ein, sie habe sich geirrt, irgendwo zu viel ausgegeben, etwas vergessen. Dann ärgerte sie sich über ihre eigene Schusseligkeit.

Kurz darauf waren plötzlich ihre Winterstiefel weg.

„Also ich habe sie ganz bestimmt nicht angerührt“, sagte Sandra Sommer und hob unschuldig die Schultern. „Vielleicht hast du sie selbst entsorgt?“

„Ich?“ Marie starrte sie fassungslos an. „Meine eigenen Stiefel?“

„Man weiß ja nie“, erwiderte Sandra Sommer und breitete die Hände aus.

Nachdem Marie die Kamera in der Küche entdeckt hatte, suchte sie im Internet nach dem Modell. Auf der Herstellerseite fand sie die Anleitung — samt Standardpasswort. Sandra Sommer hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, es zu ändern. Ohne große Schwierigkeiten verband Marie ihr Handy mit dem Gerät und öffnete die gespeicherten Aufnahmen.

Auf dem Bildschirm erschien ihre Küche. Darin bewegte sich Sandra Sommer, konzentriert und zielstrebig. Sie nahm sich ein Schränkchen nach dem anderen vor, räumte Dosen heraus, sah dahinter nach und stellte alles wieder an seinen Platz. Die Kamera war billig und zeichnete keinen Ton auf. Was genau ihre Schwiegermutter suchte, ließ sich deshalb nicht erkennen.

In einer weiteren Aufnahme sprach Sandra Sommer mit jemandem. Sie gestikulierte lebhaft, notierte etwas auf einem abgerissenen Zettel und steckte ihn anschließend in die Tasche ihres Morgenmantels.

Auch hier fehlte der Ton. Marie konnte nur raten, worum es gegangen war. Vorsichtshalber lud sie beide Videos auf ihr eigenes Handy herunter.

So sehr sie sich in die heimlichen Manöver ihrer Schwiegermutter verbiss, entging ihr beinahe, dass sich auch Daniel veränderte. Abends hing er ständig über seinem Telefon, und sobald Marie näherkam, drehte er es mit dem Display nach unten.

Nachts fand er kaum Ruhe. Immer wieder wälzte er sich von einer Seite auf die andere, stand auf, um Wasser zu trinken, und blieb dann lange reglos am Fenster stehen, als sähe er dort draußen etwas, das nur er erkennen konnte.

Vielleicht gibt es eine andere Frau, schoss es Marie Meier eines Abends durch den Kopf.