Und genau das taten wir. Viel früher, als wir es ursprünglich vorgehabt hatten.

In der darauffolgenden Woche telefonierte Laura Mayer sich durch unseren gemeinsamen Bekanntenkreis. Überall erzählte sie, ich hätte mich unfassbar kleinlich und geizig benommen. Nur bekam sie nicht die Reaktion, auf die sie gehofft hatte. Ziemlich schnell sprach sich nämlich herum, dass die empörte Gastgeberin für dieses angebliche Festmahl keinen einzigen Euro aus eigener Tasche bezahlt hatte.

Zehn Tage später klingelte erneut das Telefon.

Diesmal rief Laura bei Christian Braun an, als wäre nie etwas vorgefallen.

„Christianchen, Thomas und ich sind heute wegen ein paar Erledigungen in der Stadt unterwegs. Abends schauen wir kurz bei euch rein! Wir haben dann bestimmt Hunger, also mach am besten ordentlich etwas mit Fleisch. Wir kommen!“

Ich nahm meinem Mann das Smartphone aus der Hand.

„Ihr könnt gern vorbeikommen, Laura. Aber ein richtiges Abendessen wird es nicht geben. Kommt zum Nachtisch, dann trinken wir Tee und essen etwas Süßes.“

Am anderen Ende schnaubte sie nur leise. Meine Worte schienen sie gar nicht ernst zu nehmen. Wahrscheinlich war sie überzeugt, ich würde aus Höflichkeit doch noch zum Herd eilen, Fleisch in den Ofen schieben und Schüsseln voller Salat vorbereiten.

Am Abend läutete es an der Tür.

Die Verwandtschaft erschien sogar mit Mitbringseln. Laura überreichte mir mit feierlicher Miene fünf ziemlich kümmerliche Dillzweige aus ihrem Garten. Thomas Lorenz hielt währenddessen betont bescheiden einen beachtlichen Stapel leerer Plastikdosen im Arm.

Offenbar rechnete er fest damit, nach einem üppigen Essen noch ein ordentliches Vorratspaket für den Heimweg eingepackt zu bekommen.

Wir gingen in die Küche.

Auf dem Tisch standen schöne Becher, aus denen heißer Dampf aufstieg. In der Mitte lag genau die Pralinenschachtel, die ich damals heil von der Gartenfeier wieder mitgenommen hatte. Sonst befand sich nichts auf der Tischdecke.

Ich füllte Wasser in ein durchsichtiges Glas und stellte Lauras Dill sorgsam hinein.

„Wie hübsch. Das ist eindeutig der Mittelpunkt unserer Tafel“, sagte ich und setzte mich.

Laura ließ den Blick über die leere Tischplatte wandern. Ihr Gesicht wurde lang vor Enttäuschung.

„Und wann kommt das Warme? Thomas ist den ganzen Tag unterwegs gewesen. Der braucht etwas Richtiges zu essen!“

Gelassen nahm ich einen Schluck aus meinem Becher.

„Ich habe deutlich gesagt, dass ich euch nur zum Süßen erwarte. Wenn Thomas ein deftiges Abendessen braucht, hättet ihr es mitbringen können. Genauso, wie wir neulich Lebensmittel zu euch mitgebracht haben.“

Thomas knallte seine leeren Kunststoffbehälter hörbar auf den Tisch.

„Bei euch ist der Kühlschrank wohl einfach leer, was? Hat euch die Armut erwischt?“, höhnte er mit einem schiefen Grinsen.

Christian Braun sagte kein Wort. Er stand nur auf, ging in die Küche, griff nach dem Kühlschrankgriff und zog die Tür weit auf.

Darin war nichts von Leere zu sehen. Auf den Ablagen standen ordentlich nebeneinander ein Topf mit kräftiger Brühe, selbst gemachte Fleischaufschnitte, verschiedene Käsesorten, frisches Gemüse und eine Schale mit Obst.