Geschichte
„Vielleicht trinkt er?“ raunten die Frauen am Brunnen

„Vielleicht trinkt er?“ raunten die Frauen am Brunnen

Ein schweigsamer Fremder, rätselhaft und zutiefst beunruhigend.

❦
714 Leser 4 Seiten ~3 Min.

Im Frühjahr tauchte Thomas König im Dorf auf. Allein. Mit einem einzigen Koffer, einem Rucksack über der Schulter und ein paar Arbeitspapieren, in denen knapp stand: „Schlosser, fünfte Qualifikationsstufe. Geschieden. Keine Kinder.“ Mehr brachte er nicht mit. Kein eigenes Haus. Keine Angehörigen. Keine Vergangenheit, über die er gern gesprochen hätte.

Er zog in ein verlassenes Häuschen am Rand des Ortes. Das Gebäude war alt, das Dach undicht, die Fensterscheiben eingeschlagen. Die früheren Besitzer waren vor etwa zehn Jahren in die Stadt gegangen, seitdem stand es leer und verfiel. Die Nachbarn meinten längst, man solle es abreißen. Thomas aber kam, sah es sich an und begann zu reparieren. Er deckte das Dach neu, setzte Fenster ein, mauerte den Ofen um, richtete den Zaun. Still. Ohne lange Erklärungen. Ohne jemanden um Hilfe zu bitten.

Das Dorf beobachtete ihn. Ein Fremder weckt immer Neugier. Erst recht einer, der noch nicht alt war, kräftig wirkte und zupacken konnte. Am Brunnen tuschelten die Frauen:

„Wer ist das eigentlich? Wo kommt der her? Warum lebt er allein?“

„Man sagt, seine Frau habe ihn verlassen. Oder er sie. So genau weiß das keiner.“

„Vielleicht trinkt er?“

„Sieht nicht danach aus. Kein Tropfen. Der schuftet wie ein Ackergaul.“

„Irgendwie sonderbar ist er trotzdem.“

Sonderbar war er tatsächlich. Zu abendlichen Runden kam er nicht. Lieder sang er keine. Geschichten erzählte er auch nicht. Er arbeitete nur. In der Sägemühle hatte er eine Stelle gefunden: morgens hin, abends zurück. Danach machte er daheim weiter. Hobelte, nagelte, flickte, sägte. Als dränge ihn etwas. Als müsse er unbedingt noch rechtzeitig fertig werden.

Und nach drei Monaten heiratete er.

Eine Witwe. Sophie Roth. Sie hatte drei Kinder. Der Älteste, Lukas Werner, war zwölf. Die mittlere, Mia Meier, acht. Der Kleinste, Moritz Ludwig, vier.

Sophies Mann, ein Landmaschinenfahrer, war zwei Jahre zuvor ums Leben gekommen. Beim Holzschlag war die Maschine gekippt. Zurück blieb sie allein. Mit drei Kindern. Mit Garten. Mit Vieh und Haushalt. Ohne Mann im Haus — man weiß, was das bedeutet. Brennholz besorgen: ein Problem. Heu machen: ein Problem. Die Veranda ausbessern: eine ganze Angelegenheit. Und Kinder ohne Vater sind noch schwerer. Besonders Jungen. Besonders Lukas, der mit seinen zwölf Jahren bereits begriffen hatte, dass nun er der Mann im Haus sein sollte. Er trug diese Last, so gut er konnte. Ungelenk. Hart. Aber er trug sie.

Als Thomas König um Sophies Hand anhielt, verschlug es dem Dorf die Sprache.

„Bist du denn völlig verrückt geworden?“, fragte ihn die Nachbarin Elisabeth Albrecht ohne jede Umschweife. „Sie hat drei Kinder! Verstehst du das überhaupt? Drei! Nicht deine eigenen! Die fressen dich auf! Du musst sie ernähren, die Kleinen kleiden, ihnen etwas beibringen! Du bist allein! Du hast selbst kaum etwas! Du bist hier zugezogen! Du solltest weiterziehen, nicht heiraten!“

Tippe auf Weiter, um fortzufahren