Auch Sophie veränderte sich. Das Dunkle wich aus ihrem Gesicht. Sie lachte wieder, summte beim Arbeiten, kam zurück ins Leben. Die Frauen im Dorf flüsterten inzwischen anders über sie.

„Sieh mal an, was für einen Mann sie bekommen hat. Gold wert. Trinkt nicht, schlägt nicht, arbeitet und zieht die Kinder mit groß. Da hat sie Glück gehabt.“

Niemand tippte sich mehr an die Stirn. Allmählich kam Respekt.

Lukas wurde größer, beendete die Schule und ging auf eine Berufsschule, um Mechaniker zu werden. Als er fortfuhr, stand er auf der Schwelle und schwieg lange. Dann murmelte er nur:

„Na dann… mach’s gut.“

Und weg war er.

Thomas blieb am Fenster stehen und sah dem Bus hinterher, bis er nicht mehr zu sehen war. Sophie trat von hinten zu ihm und umarmte ihn.

„Für ihn bist du trotzdem sein Vater. Er findet nur keine Worte dafür.“

„Ich weiß“, antwortete Thomas König leise. „Ich kann warten.“

Mia Meier machte eine Ausbildung zur Krankenschwester und blieb in der Kreisstadt. Sie kam oft nach Hause, fiel Thomas König um den Hals und sagte inzwischen ganz selbstverständlich „Papa“, ohne zu stocken. Eines Tages brachte sie ihren Verlobten mit. Sie wollte ihn vorstellen, wollte hören, was Thomas König von ihm hielt. Der junge Mann aus der Stadt drückte ihm ehrerbietig die Hand und sagte: „Ich habe schon viel von Ihnen gehört. Mia hat oft von Ihnen erzählt.“

Moritz Ludwig hingegen ging gar nicht fort. Er arbeitete mit Thomas König im Sägewerk, fuhr mit ihm zum Angeln, half ihm am Traktor und saß abends neben ihm auf der Bank vor dem Haus. Oft redeten sie dabei kein Wort. Es war auch nicht nötig. Moritz Ludwig war ihm nah wie ein eigener Sohn. Von Anfang an. Seit jenem Tag, an dem er gefragt hatte: „Darf ich dich Papa nennen?“

Fünfzehn Jahre später starb Thomas König.

Plötzlich. Unsinnig. Das Herz. Mitten bei der Arbeit. Er stand an der Maschine, dann brach er einfach zusammen. Nicht einmal aufschreien konnte er noch.

Zur Beerdigung kam das ganze Dorf. So viele Menschen, dass kaum Platz blieb. Sie standen an der Straße, vor dem Haus, beim Gemeindehaus, am Friedhof. Der lag alt und still auf einer Anhöhe, von der aus man den Fluss und die dunklen Wälder sehen konnte.

Den Sarg trugen die drei Kinder. Alle erwachsen inzwischen.

Lukas Werner war siebenundzwanzig, breitschultrig, kräftig, im Gesicht seinem leiblichen Vater ähnlich, doch im Wesen Thomas König. Genauso wortkarg. Genauso eigensinnig. Genauso verlässlich. Er ging vorn. Und er weinte. Nicht laut. Nicht hemmungslos. Sondern sparsam, hart, wie ein Mann, der es nie gelernt hatte. Jede Träne kam ihm vor wie ein Stein. Jede musste er sich abringen. Weil er es nicht konnte. Weil er es nicht gewohnt war. Weil er erst jetzt begriff, dass alles vorbei war. Und dass er es nicht mehr rechtzeitig gesagt hatte.

Mia Meier, dreiundzwanzig Jahre alt, schön, mit einem schwarzen Tuch über dem Haar, schluchzte offen. Sie schämte sich nicht dafür und verbarg nichts. Denn sie begrub ihren Vater. Nicht Onkel Thomas. Nicht den Mann ihrer Mutter. Ihren Vater. Den Mann, der sie großgezogen hatte. Der ihr eine Ausbildung ermöglicht hatte. Der nachts über ihren Hausaufgaben gesessen hatte, obwohl er selbst kaum mehr als die Hauptschule geschafft hatte. Der ihr aus der Kreisstadt ihr erstes richtiges Kleid mitgebracht hatte. Der ihrem Verlobten einmal gesagt hatte: „Wenn du ihr wehtust, bringe ich dich um.“ Und er hatte es so gesagt, dass der junge Mann ihm sofort glaubte.