Er öffnete den Mund, um zu widersprechen, doch in diesem Moment klingelte es. Wie im Theater: Vorhang auf, Scheinwerfer an, das Drama betritt die Bühne. Oder eben seine Mutter.
Ingrid stand im Flur, als wäre sie aus einer besonders schlecht gelaunten Wolke materialisiert. In der Hand trug sie eine Tasche, mit der man problemlos den Wocheneinkauf von drei Rentnerinnen hätte nach Hause schleppen können. Dazu ein Tweedmantel und ein Gesichtsausdruck, als sei Emma keine Schwiegertochter, sondern eine Kriminelle, die ihr das Leben, den Sohn und den schönsten Teppich gestohlen hatte.
— Guuuuten Morgen … — zog Ingrid die Worte in die Länge, als wäre sie gerade in eine unangenehme Erinnerung aus ihrer Jugend getreten.
— Guten Morgen, Ingrid — erwiderte Emma knapp und drückte innerlich auf den imaginären Knopf mit der Aufschrift: „Nicht zur Hölle schicken.“
— Ach, Emmchen, du bist natürlich wieder furchtbar beschäftigt. Hier fühlt sich alles so seelenlos an. Überall Staub. Und Leon ist ganz eingefallen, dünn wie eine Motte nach dem Staubsaugen. Der Junge braucht richtiges Essen. Vitamine. Nicht solche … Smoothies — sagte sie und deutete auf das Glas, aus dem Emma gerade versuchte, die Hälfte ihres täglichen Magnesiumbedarfs herauszupressen.
— Und Sie, Ingrid, sind wie immer aufmerksam — antwortete Emma mit zusammengepressten Lippen. — Ich spüre förmlich, wie Ihre Anwesenheit die Luft erfüllt. Mit Giftstoffen.
— Gleich wieder spitz! Ich sage das doch nur als Mutter. Ich denke immer an die Familie! Wir müssen reden.
Und Ingrid setzte sich. Ohne Einladung. Mit der Selbstverständlichkeit einer Königin auf ihrem Thron. Oder wie eine Frau, die in einer Entbindungsstation ungefragt an ein fremdes Babybett tritt: dreist, sicher und vollkommen überzeugt von ihrem Recht.
— Du bist ja eine erfolgreiche Frau — begann die Schwiegermutter. — Das will ich gar nicht bestreiten. Aber vollkommen bist du deshalb noch lange nicht. Du bist viel zu früh wieder arbeiten gegangen. Den Jungen hast du allein gelassen. Kein Wunder, dass er sich jetzt nach weiblicher Wärme sehnt, während du hier herumläufst, als wärst du noch im Büro, nur ohne Krawatte.
— Er sehnt sich, ich bezahle alles. Meiner Ansicht nach ist das ein ziemlich ausgewogenes Modell — gab Emma trocken zurück.
— Er ist ein Mann! — fuhr Ingrid auf. — Er steckt in einer schwierigen Phase. Da muss man ihm beistehen. Zum Beispiel Mia, seine Schwester. Sie hat Ärger. Da ist ein Kredit. Sie braucht sofort dreißigtausend Euro. Du könntest helfen.
Emma verschluckte sich beinahe an ihrem Kaffee. Dreißigtausend. Euro. Ausgerechnet diese Frau verlangte das, dieselbe, die einen Aufstand gemacht hatte, weil Emma einmal Toilettenpapier gekauft hatte, das nicht im Angebot gewesen war.
— Ingrid — sagte Emma langsam, jedes Wort sauber abgesetzt. — Haben Sie den Verstand verloren? Oder schlagen Sie und Mia abwechselnd mit der Stirn gegen die Fernsehkante?
— Wie redest du mit der Mutter deines Mannes?! — fauchte Ingrid und sprang hoch.
— Und Sie trampeln in mein Leben hinein, als hätten Sie für jede Tür den passenden Schlüssel! — gab Emma zurück.