Geschichte
„Woher sollen denn bitte zwölf Kubikmeter Warmwasser kommen, Lukas Baumann? In der Wohnung lebt doch niemand.“ rief Sophia entsetzt und umklammerte ihr Smartphone

„Woher sollen denn bitte zwölf Kubikmeter Warmwasser kommen, Lukas Baumann? In der Wohnung lebt doch niemand.“ rief Sophia entsetzt und umklammerte ihr Smartphone

Unfassbar, wie rücksichtslos die Wohnung schweigt.

❦
1 844 Leser 8 Seiten ~3 Min.

„Woher sollen denn bitte zwölf Kubikmeter Warmwasser kommen, Lukas Baumann? In der Wohnung lebt doch niemand.“

Sophia Walter saß ganz vorn auf der Sofakante und umklammerte ihr Smartphone, auf dem die App der Hausverwaltung geöffnet war. Die Zahlen, die dort standen, wirkten so absurd, als hätte sich jemand einen schlechten Scherz erlaubt.

Lukas Baumann ließ den Blick nicht einmal vom Fernseher schweifen. Dort lief irgendeine Sportsendung. Träge streckte er sich, ließ den Nacken knacken und warf sich eine Handvoll gesalzener Nüsse in den Mund.

„Vielleicht spinnt der Zähler“, murmelte er. „Oder du hast beim letzten Nachsehen den Hahn nicht richtig zugedreht.“

„Ich war vor drei Monaten das letzte Mal dort. Hätte ich wirklich einen Wasserhahn offen gelassen, müssten wir inzwischen die Decke der Nachbarn unter uns sanieren lassen. Und sieh dir das hier an: Strom wurde auch verbraucht. Zweihundert Kilowattstunden. In unserer Dreizimmerwohnung kommen wir auf weniger, obwohl wir hier jeden Tag waschen, kochen und alles benutzen.“

Sophia legte das Handy beiseite und rieb sich die Schläfen. Die kleine Wohnung am anderen Ende der Stadt gehörte ihr schon seit der Zeit vor der Ehe. Ihre Eltern hatten sie ihr zum Studienabschluss geschenkt, großzügig und mit dem Gedanken, ihr damit Sicherheit zu geben. Für Sophia war diese Wohnung immer eine Art finanzielles Polster gewesen. Sie und ihr Mann hatten beschlossen, sie vorerst nicht zu vermieten. Dort musste erst gründlich renoviert werden: Die Tapeten hingen in Fetzen von den Wänden, und die alten Rohre im Bad brummten bedrohlich, sobald man irgendwo Wasser aufdrehte. Sophia wollte Geld zurücklegen, eine zuverlässige Handwerkerfirma beauftragen, alles ordentlich herrichten lassen und erst danach seriöse Mieter hineinlassen.

Schlüssel zu der leer stehenden Einzimmerwohnung besaßen nur Sophia selbst, Lukas Baumann und als Reserve ihre Schwiegermutter Maria Heinrich. Genau dieses Ersatzset hatte Sophia ihr im vergangenen Winter persönlich gegeben, als im Haus die Heizungsleitungen erneuert wurden und sie mit Lukas Baumann verreist war. Maria Heinrich hatte damals angeboten, die Handwerker hineinzulassen und ein Auge auf die Arbeiten zu haben. Danach waren die Schlüssel bei ihr geblieben, angeblich für den Notfall — falls man irgendwann Blumen gießen müsse, sofern dort überhaupt welche stünden.

„Jetzt steiger dich nicht gleich hinein“, sagte Lukas Baumann schließlich und drehte sich zu ihr um. Sein Lächeln hatte diesen nachsichtigen Zug, der Sophia in solchen Momenten besonders reizte. „Meine Mutter fährt ab und zu hin. Sie meinte doch, sie wolle auf dem Balkon Setzlinge ziehen, weil die Fenster so schön zur Sonnenseite liegen. Vermutlich hat sie dafür Licht gebraucht. Und das Wasser… na ja, vielleicht hat sie den Boden gewischt. Du kennst sie doch, sie ist eben extrem ordentlich.“

„Zwölf Kubikmeter fürs Bodenwischen? Lukas Baumann, damit kann man ein kleines Schwimmbecken füllen. Und zweihundert Kilowattstunden für ein paar Pflänzchen? Hat sie dort etwa eine gewerbliche Gärtnerei eingerichtet?“

Tippe auf Weiter, um fortzufahren