
„Entschuldigt bitte meine Kuh! Sie frisst schon wieder, als gäbe es kein Morgen!“ spottete Maximilian Meier beim Festmahl, Anna verließ gekränkt den Tisch
Grausame Verachtung bricht still eine verletzte Seele.
„Entschuldigt bitte meine Kuh! Sie frisst schon wieder, als gäbe es kein Morgen!“ Maximilian Meiers Stimme schnitt wie ein Schuss durch die festliche Stimmung.
Anna Huber erstarrte, die Gabel noch in der Hand. Der Kartoffelsalat erreichte den Teller nicht mehr. Zierlich, schmal, kaum fünfzig Kilo schwer, saß sie ihrem Mann gegenüber und spürte, wie sich plötzlich alle Blicke auf sie bohrten.
Michael Werner verschluckte sich am Champagner. Seine Frau Helena Wagner öffnete den Mund, brachte jedoch kein Wort heraus. Über dem Tisch lag eine Stille, in der selbst das Atmen peinlich wirkte.
„Maximilian, hörst du eigentlich, was du da sagst?“, fand Michael Werner als Erster seine Stimme wieder.
„Was denn? Darf man die Wahrheit nicht mehr aussprechen?“ Maximilian Meier lehnte sich zufrieden zurück, als genösse er die Wirkung seiner Worte. „Meine Dumme hat wieder zugelegt. Mit ihr kann man sich ja kaum noch irgendwo sehen lassen.“

Anna Huber wurde rot. Nicht einmal vor Scham, eher vor Schmerz. Tränen brannten in ihren Augen, doch wie so oft schluckte sie sie hinunter. In drei Ehejahren hatte sie das gelernt. Anfangs hatte sie geweint. Später nicht mehr. Wozu auch?
„Ach komm, Maximilian“, versuchte Sebastian Stein vom anderen Tischende aus unsicher die Spannung zu lösen. „Anna ist doch eine wunderschöne Frau.“
„Wunderschön?“ Maximilian Meier lachte auf. „Hast du sie mal ohne Schminke gesehen? Ein Schreckgespenst! Manchmal wache ich morgens auf und frage mich: Wer liegt da neben mir? Wo kommt das her?“
Jemand kicherte verlegen. Ein anderer starrte angestrengt auf seinen Teller. Anna Huber erhob sich. Langsam, vorsichtig, als könne sie bei einer falschen Bewegung zerbrechen.
„Ich gehe kurz ins Bad“, sagte sie leise und verließ den Raum.
„Jetzt ist sie beleidigt!“ Maximilian Meier schnaubte zufrieden. „Gleich kommt sie zurück und schweigt bis morgen früh. Frauen muss man eben Grenzen setzen.“
Michael Werner sah seinen Freund an und erkannte ihn kaum wieder. Seit der Schulzeit kannten sie einander, seit fünfzehn Jahren waren sie befreundet. Früher war Maximilian Meier der Spaßmacher gewesen, der Mittelpunkt jeder Runde. Als er Anna Huber geheiratet hatte, hatten sich alle gefreut: ein hübsches Paar. Sie fein, sanft, still, mit großen braunen Augen. Er selbstsicher, erfolgreich.
Doch irgendwann war etwas gekippt. Erst waren es nur „Witze“ gewesen. Vor anderen nannte Maximilian Meier seine Frau „mein Dummchen“, „die Blöde“, „die Nutzlose“. Alle lachten betreten, als wäre das eben familiärer Humor. Dann wurde es schlimmer.
„Meine Kuh hat schon wieder den Kuchen vernichtet!“, rief er einmal durchs ganze Restaurant, nur weil Anna Huber ein Dessert bestellt hatte.
„Entschuldigt sie, sie kann einfach nicht kochen!“, sagte er vor Gästen nach einem wunderbaren Abendessen.
„Was will man von ihr erwarten? Das Studium gerade so geschafft, arbeitet für ein paar Euro!“ Dabei sprach er über eine Frau, die mit Auszeichnung abgeschlossen hatte und als Grundschullehrerin arbeitete.
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