Daniel starrte sie an. In seinem Blick lag alles zugleich: Zorn, Verletzung, Ratlosigkeit. Doch irgendwo darunter, tief verborgen, begann etwas anderes zu keimen — ein winziger, giftiger Zweifel. Annas Worte, „Schmarotzertum“ und „unbezahlte Haushaltshilfe“, waren hart gewesen. Aber sie besaßen eine grausame, entwaffnende Genauigkeit. Er wollte widersprechen, wollte losschreien, dass das alles nicht stimme.
Doch sein Gedächtnis, gefällig und zugleich erbarmungslos, lieferte ihm im selben Moment eine ganze Reihe von Szenen, die Annas Vorwurf bestätigten.
Er sah plötzlich jenen Samstag vor sich, kaum zwei Monate her, als er mit ein paar Freunden ganz spontan zum Angeln an einen See gefahren war. Ausgerechnet an dem Tag, an dem Stefanie Weiß ihre Kinder „wirklich nur für zwei Stündchen“ bei ihnen abgeladen hatte. Daniel hatte Anna angerufen, irgendetwas von einem dringenden beruflichen Termin gemurmelt und dann bis in den Abend hinein mit der Angel am Ufer gesessen. Als er zurückkam, war Anna kreidebleich vor Erschöpfung gewesen. Die Wohnung hatte ausgesehen, als wäre ein Möbelhaus darin explodiert. Spielzeug, Krümel, verschütteter Saft, umgeworfene Kissen — überall Chaos. Sie hatte ihm damals keinen Vorwurf gemacht. Kein einziges Wort. Sie hatte nur stumm weiter aufgeräumt, während er, von einem undeutlichen Schuldbewusstsein getrieben, rasch ins Schlafzimmer verschwunden war, angeblich, um ihr „nicht im Weg zu stehen“. Damals hatte er das für völlig normal gehalten. Jetzt, unter Annas ruhigem, kaltem Blick, erschien ihm sein Verhalten klein, feige und beschämend.
Er wich ein paar Schritte zurück, ging ins Wohnzimmer und ließ sich schwer in den Sessel sinken. Genau auf den Sessel, über dessen Armlehne noch immer ihr Buch lag. Mit beiden Händen fuhr er sich über das Gesicht, als könnte er damit die wirren Gedanken ordnen. Sein inneres Bild von sich selbst — der gute Bruder, der liebevolle Onkel, der großzügige Ehemann — bekam plötzlich tiefe Risse. All die Jahre hatte er ihr Schweigen als Zustimmung gedeutet. Ihre Müdigkeit hatte er für den gewöhnlichen Preis gehalten, den Frauen eben für Haushalt und Familie zahlten. Ihre Nachgiebigkeit erschien ihm wie eine Charaktereigenschaft, fast wie etwas Bequemes, auf das man sich verlassen konnte. Nie war ihm ernsthaft in den Sinn gekommen, dass sich dahinter Bitterkeit angesammelt hatte. Dass unter der Oberfläche kein Einverständnis lag, sondern leise Verzweiflung. Dass ihr Schweigen nicht bedeutete: „Es ist in Ordnung“, sondern: „Ich halte es gerade noch aus.“ Und heute war dieser letzte Faden gerissen — lautlos und doch mit einer Wucht, die ihm in den Knochen saß.
Da zerriss erneut ein Klingeln die angespannte Stille der Wohnung. Diesmal war es nicht sein Handy, sondern das alte Festnetztelefon, das sie fast nur noch für die ältere Verwandtschaft behielten. Daniel zuckte zusammen. Er wusste sofort, wer anrief. Stefanie Weiß war inzwischen bei ihrer Mutter angekommen. Der zweite Akt begann. Anna blieb in der Küche stehen, ohne auch nur den Kopf zu drehen. Es wirkte, als überließe sie ihm bewusst die Folgen dessen, was eben geschehen war.