Geschichte
„Vielleicht nächsten Samstag.“ flüsterte sie und wartete dreißig Jahre an der verfallenen Haltestelle

„Vielleicht nächsten Samstag.“ flüsterte sie und wartete dreißig Jahre an der verfallenen Haltestelle

Ehrliche Sehnsucht, tragisch und zugleich unfassbar töricht.

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330 Leser 6 Seiten ~3 Min.

Sabine Lorenz wartete jeden Samstag auf ihre Tochter.

Angefangen hatte es vor so langer Zeit, dass selbst die Nachbarn längst nicht mehr sagen konnten, seit wann. Samstag für Samstag, gleichgültig, ob Regen fiel, Schnee lag oder der Matsch bis an die Schuhe spritzte, zog Sabine Lorenz ihren besten Mantel an, band sich das Kopftuch um und ging zur Haltestelle. Es war eine alte, noch aus DDR-Zeiten stammende Betonwarte, irgendwann einmal blau gestrichen. Die Farbe war längst abgeplatzt, und das Häuschen wirkte inzwischen wie eine zerlumpte Greisin.

Der Bus aus der Kreisstadt kam um zwölf. Ein einziges Mal am Tag. Sabine Lorenz war immer eine halbe Stunde früher da. War die Bank frei, setzte sie sich. Saß schon jemand dort, blieb sie stehen. Und wartete.

Dann bog der Bus ein, rasselnd, hustend, als müsse der müde Motor sich selbst überreden weiterzulaufen. Die Tür klappte auf. Menschen stiegen aus. Sabine Lorenz musterte jeden einzelnen. Jedes Gesicht. Jede Frauengestalt. Doch jedes Mal vergeblich.

Der Bus fuhr weiter. Sabine Lorenz blieb noch eine Weile reglos stehen. Erst danach drehte sie sich um und machte sich auf den Heimweg: quer durchs Dorf, vorbei an den Häusern der Nachbarn, am alten Kulturhaus, an schiefen Zäunen. Dabei dachte sie immer denselben Satz: Vielleicht nächsten Samstag.

So vergingen dreißig Jahre.

Ihre Tochter hieß Laura Walter. Später nannte sie sich ebenfalls Laura Walter, nur klang es anders, erwachsener, städtischer. Irgendwann führte sie einen neuen Nachnamen, nicht mehr den ihres Vaters, sondern einen wohlklingenden, fremden, den Sabine Lorenz sich nie richtig merken konnte.

Laura Walter war 1992 nach Duisburg gefahren, um dort zu studieren. Sie war siebzehn, schmal, mit einem langen hellbraunen Zopf und in einem geblümten Baumwollkleid, das Sabine Lorenz selbst genäht hatte. Der Vater lag damals schon seit drei Jahren unter der Erde; mit siebenundvierzig hatte sein Herz versagt, mitten auf der Wiese beim Heumachen.

Das ganze Dorf brachte sie zum Bus. Die Nachbarn kamen mit hinaus. Johanna Schubert hatte Pasteten gebacken. Markus Simon gab ihr ein Säckchen getrockneter Heidelbeeren mit. Felix Werner drückte ihr drei zerknitterte Euro in die Hand, mühsam aus allen Taschen zusammengesucht. Laura Walter stand auf der Busstufe, sah sich immer wieder um und weinte.

„Mama, in den ersten Ferien komme ich zurück! Ganz bestimmt! Und ich schreibe dir, jede Woche!“

Sabine Lorenz nickte nur, lächelte, strich ihrer Tochter über den Kopf und sagte immer wieder:

„Pass auf dich auf, mein Mädchen. Bitte pass gut auf dich auf.“

Der Bus setzte sich in Bewegung. Staub stieg auf. Und Laura Walter fuhr fort.

Am Anfang kamen die Briefe regelmäßig. Jede Woche einer. Dann nur noch alle zwei Wochen. Später einmal im Monat. Laura Walter schrieb von Duisburg, vom Wohnheim, von Prüfungen und neuen Freundinnen. Sie schrieb, dass es schwer sei, dass das Geld nicht reiche, dass sie nebenbei arbeite: Treppen putze, Werbezettel an der U-Bahn verteile. Sabine Lorenz las diese Briefe und weinte. Vor sich sah sie ihre Tochter, dünn, in einem viel zu leichten Mantel, wie sie im Wind stand und fremden Leuten Papier in die Hand drückte.

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