Alles, was Sabine Lorenz entbehren konnte, schickte sie nach Duisburg. Geld. Pakete mit Kartoffeln, eingelegten Gurken, Marmelade und getrocknetem Fisch. Sie sparte an sich selbst. Für sie blieben Kartoffeln, Zwiebeln, Brot. Der Rest ging an die Tochter.

Dann wurden die Briefe seltener. Einer nach einem halben Jahr. Einer nach einem ganzen. Schließlich kam gar nichts mehr.

Sabine Lorenz schrieb weiter. Viel schrieb sie, zwei-, dreimal im Monat. „Mein Kind, wo bist du? Was ist mit dir? Lebst du? Bist du gesund? Gib mir ein Zeichen. Ich finde keine Ruhe mehr.“

Antworten erhielt sie keine.

Da fuhr sie selbst nach Duisburg. Es war 1997. Sie verkaufte die Kuh, ihre letzte Ernährerin, und kaufte eine Fahrkarte. Fast einen ganzen Tag saß sie im Zug, im Liegewagen auf der oberen Pritsche, die Tasche mit den Geschenken für ihre Tochter fest an die Brust gedrückt.

Duisburg erschlug sie beinahe. Menschenmengen. Lärm. Unterirdische Bahnsteige. Eine U-Bahn hatte sie noch nie gesehen.

Als sie die Stufen hinabstieg, verlor sie völlig die Orientierung. Von allen Seiten wurde sie angerempelt, hastige Menschen zogen an ihr vorbei, jemand fuhr sie grob an. Sabine Lorenz blieb mitten in der Eingangshalle stehen, die Tasche fest umklammert, und wusste nicht, wohin sie sich wenden sollte.

Die Adresse des Wohnheims besaß sie noch: ein zerknittertes Stück Papier, vergilbt und an den Kanten weich geworden, abgeschrieben aus dem letzten Brief, der bereits drei Jahre zurücklag. Irgendwie fand sie den Weg. Mehr geschleppt als gegangen kam sie dort an. Und sie fand das Gebäude.

„So jemanden haben wir hier nicht“, sagte die Frau am Empfang knapp. „Ausgezogen. Schon lange.“

„Wohin denn?“

Die Frau zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Hier ziehen ständig Leute aus. Duisburg ist groß. Suchen Sie eben.“

Und Sabine suchte. Sie lief von einem Büro zum nächsten, fragte, wartete, erklärte. Im Dekanat war geschlossen. Sprechzeiten gab es nur zweimal in der Woche. Bei der Polizei zuckte man ebenfalls nur mit den Schultern: Ihre Tochter sei nicht mehr minderjährig, achtzehn sei sie inzwischen, also eine erwachsene Frau. Wenn sie nicht schreiben wolle, sei das ihre Entscheidung.

Nach fünf Tagen fuhr Sabine Lorenz in ihr Dorf zurück. Ohne Tochter. Ohne Kuh. Ohne Geld. Und ohne jede Spur von Hoffnung.

Nur das Warten gab sie nicht auf.

Die Jahre verstrichen. Das Dorf wurde leerer und stiller. Die Jungen verschwanden einer nach dem anderen: manche in die Kreisstadt, manche nach Münster, manche nach Duisburg. Zurück blieben vor allem die Alten. Die Häuser verfielen, der Klub machte dicht, die Schule wurde mit der im Nachbarort zusammengelegt, und die Kinder fuhren nun mit dem Bus. Der Hofbetrieb zerbröckelte, der kleine Laden öffnete nur noch an zwei Tagen in der Woche.

Sabine lebte weiter. Sie bestellte ihren Garten, heizte den Ofen, ging zur Haltestelle. Die Nachbarn hatten längst aufgehört, ihr gut zuzureden.

„Sabine“, sagte Johanna Schubert manchmal, wenn sie sich Salz borgte, „quäl dich doch nicht länger. Deine Laura kommt nicht mehr. Vielleicht ist sie ja gar nicht mehr…“ Dann brach sie ab. Doch Sabine verstand auch das Ungesagte.