Sie weinten lange. Ohne viele Worte. So, wie nur Mütter und Töchter weinen können.
Später ging Sabine in die Küche, stellte den Kessel auf den Herd und sagte:
— Setz dich. Ich brate dir Kartoffeln. Mit Pilzen. Die hast du doch immer gern gegessen.
Laura blieb anderthalb Jahre bei ihrer Mutter.
Anderthalb Jahre anstelle von dreißig. Es war ein merkwürdiges, leises Zusammenleben. Über das Vergangene sprachen sie kaum. Wozu auch? Was geschehen war, ließ sich nicht ungeschehen machen. Sie lebten einfach. Zusammen. Sabine zeigte ihrer Tochter all das, wofür früher keine Zeit geblieben war: wie man den Ofen anheizt, eine Ziege melkt, Kohl einlegt. Laura lernte es. Staunte. Lachte manchmal sogar.
Im Dorf sah man anfangs schief zu ihnen hinüber. Doch das legte sich rasch. Was sollte man auch sagen? Das Leben war ohnehin kurz genug.
Die Ärzte aus der Stadt hatten sich geirrt. Laura lebte nicht nur ein Jahr, sondern beinahe zwei. Sie starb still, im Schlaf. Am Morgen fand Sabine sie. Sie schloss ihr die Augen und blieb lange neben ihr sitzen. Dann ging sie zu Johanna Schubert.
— Laura ist gegangen.
Johanna bekreuzigte sich.
— Gott gebe ihr Frieden. Wenigstens war sie am Ende bei ihrer Mutter.
— Das war sie, sagte Sabine.
Man begrub Laura auf dem Dorffriedhof, neben ihrem Vater. Zwei Monate später ging auch Sabine Lorenz still von dieser Welt, als hätte sie nur auf eines gewartet: dass ihre Tochter nach Hause zurückkehrte. Wenn auch so. Wenn auch für immer.
Zur Beerdigung kam das ganze Dorf. Jemand sagte leise:
— Sabine ist doch dreißig Jahre lang jeden Samstag zum Bus gegangen. Dreißig Jahre. Könnt ihr euch das vorstellen?
Und die Menschen standen vor den zwei Gräbern, vor Mutter und Tochter, und jeder dachte an etwas Eigenes. An die, auf die man wartet. An jene, die nicht zurückfinden. Und daran, dass ein Mutterherz nicht vergisst. Selbst dann nicht, wenn jede Frist verstrichen ist. Selbst dann nicht, wenn keine Hoffnung mehr bleibt. Selbst dann nicht, wenn man dich im Fernsehen längst begraben hat.