„Der Fahrer kutschiert den Geschäftsführer, nicht die Planungsleute“, erwiderte Sophie trocken. „Und diese Wohnung, Florian, habe ich fünf Jahre vor unserem Kennenlernen über einen Kredit gekauft. Ich habe jede Rate allein bezahlt und mir dafür vieles vom Mund abgespart. Warum nimmt Emily nicht selbst einen Immobilienkredit auf und zahlt ihn ab? Sie arbeitet doch angeblich.“
„Ja, sie arbeitet!“ Florian warf die Hände in die Luft. „Als Barista! Was verdient man denn da? Sie sucht noch ihren Weg, sie ist ein kreativer Mensch. Und du klammerst dich an ein Stück Blech. Du könntest wirklich etwas entgegenkommender sein. Wir sind schließlich keine Fremden.“
Damit war das Gespräch vorerst beendet. Florian stand auf, schnaubte hörbar und verschwand ins Wohnzimmer, wobei seine ganze Haltung eine nahezu weltumspannende Kränkung ausdrückte. Sophie blieb allein in der Küche zurück. Der Hunger war ihr vergangen.
In sechs Ehejahren hatte sie sich daran gewöhnt, dass Geldangelegenheiten in ihrem gemeinsamen Alltag auf eine sehr besondere Weise geregelt wurden. Florian arbeitete als leitender Vertriebsmanager in einer Firma für Klima- und Lüftungstechnik. Schlecht verdiente er nicht. Trotzdem zerrann ihm das Geld, kaum dass es auf dem Konto einging. Er liebte kostspielige Hobbys: Angelruten, die so viel kosteten wie ein kleiner Gebrauchtwagen, japanische Kunstköder, Echolote, Markenkleidung für das Winterangeln. Gleichzeitig waren Nebenkosten, Lebensmittel, Reinigungsmittel und sämtliche Reparaturen in Sophies Wohnung nach und nach auf ihren Schultern gelandet. Sie hatte es hingenommen. Ein brüchiger Frieden, sagte sie sich, sei besser als ein offener Streit. Florian sei eben leicht zu begeistern, dafür aber fröhlich, herzlich und im Grunde fürsorglich.
Nur bei Emily lag der Fall anders. Florians Tochter aus erster Ehe betrachtete ihren Vater als Geldquelle ohne Boden und Sophie als lästiges Hindernis auf dem Weg zu diesem Portemonnaie. In schöner Regelmäßigkeit verlangte Emily neue Smartphones, bezahlte Make-up-Kurse, die sie nach wenigen Wochen wieder abbrach, und Geld für Ausflüge mit Freundinnen. In diese Forderungen hatte Sophie sich bislang nie eingemischt.
Zumindest hatte sie das so gehalten, bis Florians Großzügigkeit plötzlich ihr eigenes Eigentum betreffen sollte.
Die folgenden Tage wurden für Sophie Werner zu einer zermürbenden Belastungsprobe. Florian schaltete auf ständigen seelischen Druck um. Mal seufzte er so laut, dass es durch die ganze Wohnung hallte, mal stellte er sich demonstrativ in die Küche und schluckte Beruhigungstropfen. Stundenlang telefonierte er mit seiner Tochter und schilderte ihr mit gedämpfter, leidender Stimme, wie verfahren alles sei und wie schwer es ihm falle, gewisse Menschen an ein Mindestmaß an Mitgefühl zu erinnern.
Am Donnerstag steckte Sophie den halben Tag im Verkehr fest. Vormittags hatte sie zwei Stunden bei einer besonders wählerischen Kundin verbracht, die sich nicht entscheiden konnte, ob die Küchenfronten eher in „Elfenbein“ oder in „warmer Milch“ gehalten werden sollten. Danach schleppte Sophie eine schwere Tasche mit Mustern aus Quarzkomposit bis in den fünften Stock, weil in dem Neubau ausgerechnet der Aufzug wegen eines Stromausfalls stillstand. Als sie endlich nach Hause kam, brannten ihre Füße, und ihr Rücken fühlte sich an, als hätte jemand ihn mit einem Schraubstock bearbeitet.