Als Sophia am Abend nach Hause kam, saßen zwei Frauen in der Küche. Nicole Meier thronte am Kopfende des Tisches, neben ihr Julia Bergmann. Schmal, blass, mit geröteten Augen und einem ausgeleierten Pullover, der an ihr hing. Sie sah aus, als hätte sie den ganzen Tag geweint. Für den Bruchteil einer Sekunde spürte Sophia Mitleid. Dann erinnerte sie sich daran, warum Julia hier saß.

„Sophia“, sagte Julia und hob den Kopf. „Mama hat mir alles erzählt. Ich wusste nicht, dass sie dich darum gebeten hat. Es ist mir so peinlich.“

„Dir muss gar nichts peinlich sein“, fiel Nicole sofort ein. „Du hast ein Recht auf Unterstützung. Du gehörst zur Familie.“

Julia schluckte.

„Sophia, ich weiß, wie furchtbar das klingt. Aber ich habe wirklich keinen Ausweg. Das Zimmer, in dem ich gerade wohne, ist eine Katastrophe. Die Wände sind feucht, die Nachbarn machen die ganze Nacht Lärm, ich schlafe kaum noch. Wenn du vielleicht wenigstens einen Teil…“

„Julia“, unterbrach Sophia sie ruhig und setzte sich ihr gegenüber. „Es tut mir leid, dass es dir schlecht geht. Wirklich. Aber ich kann dein Problem nicht mit meinem Geld lösen. Weil es damit nicht gelöst wäre. Spätestens in einem Jahr kommen die Kreditraten auf dich zu. Wer bezahlt die dann?“

„Ich finde schon…“

„Du suchst seit drei Jahren.“

„Sophia!“, fuhr Nicole auf und schlug mit der flachen Hand auf die Tischplatte. „Jetzt reicht es! Du erniedrigst meine Tochter in meinem Haus.“

„Nein“, sagte Sophia. „Ich spreche nur aus, was hier jeder weiß und keiner sagen will.“

Julia presste die Lippen zusammen. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch.

„Du bist grausam.“

Sophia sah sie an.

„Nein. Ich bin ehrlich. Das tut manchmal mehr weh, aber es hilft mehr.“

Nicole Meier stand auf. Ihr Gesicht war dunkelrot geworden.

„Dann eben so. Ich frage dich ein letztes Mal. Entweder du hilfst, oder ihr verschwindet. Beide. Einen Sohn, der eine fremde Frau seiner eigenen Schwester vorzieht, brauche ich nicht.“

Stille fiel über die Küche.

Julia starrte auf die Tischplatte. Nicole sah Sophia an, hart und triumphierend zugleich, als habe sie endlich den Satz gefunden, der alles entscheiden musste.

In genau diesem Moment waren Schritte aus dem Flur zu hören.

Michael stand im Türrahmen. Sein Gesicht war blass, aber seine Stimme blieb fest. Er hatte alles gehört. Oder zumindest genug, um zu verstehen.

„Mama“, sagte er. „Wir gehen.“

Nicole zuckte zusammen.

„Michael…“

„Wir gehen“, wiederholte er. „Nicht, weil Sophia es so will. Sondern weil ich es will. Du stellst uns vor die Wahl, und ich nehme sie an. Wenn du uns nicht brauchst, gut. Dann kommen wir auch ohne dich zurecht.“

„Du verrätst deine Familie!“

„Nein“, sagte Michael. „Ich beschütze meine. Die Familie, die ich selbst gegründet habe. Wenn das für dich Verrat ist, dann verstehen wir dieses Wort offenbar unterschiedlich.“

Julia begann zu weinen. Leise, hilflos, mit dem Gesicht im Ärmel vergraben. Nicole Meier blieb reglos stehen, den Mund halb geöffnet, die Augen weit aufgerissen wie jemand, der bis an den Rand eines Abgrunds gegangen ist und erst jetzt begreift, dass unter seinen Füßen längst kein Boden mehr ist.