
„Sie scheinen vergessen zu haben, dass die Wohnung mir gehört. Warum meinen Sie, sie verkaufen zu dürfen?“ sagte Lena mit gefährlicher Ruhe
Unverschämt, verräterisch und zutiefst verletzend.
„Sie haben offenbar übersehen, dass diese Wohnung auf meinen Namen läuft. Wie kommen Sie überhaupt darauf, sie verkaufen zu wollen?“ Die dreiste Schwiegermutter stand plötzlich mit einem Makler in Lena Hubers Flur.
Punkt zehn Uhr klingelte es.
Lena Huber saß gerade am Rechner und brachte einen Bericht für die Arbeit zu Ende. Besuch erwartete sie nicht. Deshalb warf sie nur flüchtig einen Blick durch den Türspion — und runzelte sofort irritiert die Stirn.
Draußen stand ihre Schwiegermutter.
Allerdings nicht allein.

Neben Wilma Schäfer wartete ein fremder Mann im dunklen Anzug, eine Mappe fest unter dem Arm. Hinter den beiden stand ein junges Paar, das neugierig die Wände des Treppenhauses musterte, als wäre es bereits zur Besichtigung gekommen.
Lena öffnete die Tür.
„Wilma Schäfer?“
Ihre Schwiegermutter hielt es nicht einmal für nötig, sie zu begrüßen.
„Na endlich“, sagte sie nur ungeduldig und winkte die anderen nach vorn. „Kommen Sie rein, kommen Sie. Wir zeigen Ihnen jetzt alles.“
Der Mann mit der Dokumentenmappe machte bereits einen selbstsicheren Schritt über die Schwelle.
„Guten Tag. Ich bin der Immobilienmakler.“
Lena blieb für einen Moment vollkommen reglos stehen. Sie sah den Mann an, dann das fremde Paar, schließlich wieder ihre Schwiegermutter.
„Entschuldigung“, sagte sie langsam. „Was soll das hier werden?“
Wilma Schäfer sah sie an, als hätte Lena eine ausgesprochen dumme Frage gestellt.
„Was wohl? Wir besichtigen die Wohnung.“
„Mit wem?“
„Mit den Käufern natürlich.“
Das junge Paar lächelte verlegen. Offenbar begriffen die beiden selbst nicht, weshalb die angebliche Wohnungsbesitzerin so fassungslos wirkte.
Lena atmete tief aus. Dann sagte sie mit einer Ruhe, die gefährlicher klang als jedes Schreien:
„Sie scheinen vergessen zu haben, dass die Wohnung mir gehört. Warum meinen Sie, sie verkaufen zu dürfen?“
Für einige Sekunden wurde es vollkommen still.
Der Makler blickte unsicher zu Wilma Schäfer hinüber. Die Interessenten tauschten einen alarmierten Blick. Nur die Schwiegermutter schlug empört die Hände in die Luft.
„Da haben wir es wieder!“
„Was genau haben wir wieder?“
„Ein Familientheater. Blamier uns nicht vor fremden Leuten.“
Lena hätte beinahe gelacht. Wenn hier jemand für eine Blamage sorgte, dann ganz sicher nicht sie.
Die Wohnung gehörte tatsächlich Lena Huber.
Und zwar allein ihr.
Sie hatte sie gekauft, lange bevor Michael Otto überhaupt in ihr Leben getreten war. Bezahlt worden war sie mit dem Erlös aus dem Verkauf des Hauses ihrer Großmutter und mit Geld, das Lena über viele Jahre selbst angespart hatte.
Alle Belege dafür lagen bei Lena.
Jede einzelne Bescheinigung.
Jeder Vertrag.
Jeder Kontoauszug.
Alles war sauber geordnet, lückenlos und eindeutig.
Es gab keine Anteile.
Keine gemeinsam erworbenen Rechte.
Keinen noch so kleinen Spielraum für irgendeinen Streit.
Wilma Schäfer hatte das allerdings nie als ernstzunehmendes Hindernis betrachtet. In ihrer Vorstellung verwandelte sich nach einer Hochzeit offenbar jedes Eigentum wie von selbst in „Familienbesitz“.
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