Aus der Abstellkammer holte sie die beiden größten Kunststoffkoffer, die sie besaß, und klappte sie mitten im Schlafzimmer auf dem Boden auf.
Sie packte nicht ihre Sachen.
Sie packte seine.
Pullover, Hemden, Jeans — alles landete ohne jede Sorgfalt im Koffer. Die teuren Markenpolos, die sie ihm zu Geburtstagen und Feiertagen geschenkt hatte. Unterwäsche, Socken, Rasierzeug aus dem Bad. Nichts wurde gefaltet, nichts geschont.
In eine separate Tüte legte sie den Karton mit seiner Spielkonsole — die einzige größere Anschaffung, die Sebastian in den vergangenen zwei Jahren tatsächlich selbst bezahlt hatte. Kabel, Controller und Spiele verschwanden gleich daneben.
Anna bewegte sich ruhig, präzise, beinahe mechanisch. Als wäre sie eine perfekt eingestellte Maschine, deren einzige Aufgabe darin bestand, ihr Leben von angesammeltem Müll zu befreien.
Als die Koffer voll waren, musste sie sich mit beiden Händen auf die Deckel stemmen, um die Reißverschlüsse zuzubekommen. Sie waren schwer. Sehr schwer. Mit Mühe zog sie sie in den Flur, öffnete die Wohnungstür und stellte sie draußen auf dem Treppenabsatz ab. Die Tüte mit der Konsole warf sie dazu, ebenso ein Paar seiner Herbststiefel.
Dann ging sie zurück ins Schlafzimmer und zog die Schublade des Nachttischs auf.
Unter einem Stapel glänzender Zeitschriften lag die Mappe mit den Unterlagen. Heiratsurkunde. Verträge. Belege. Schuldscheine. Sie nahm die Urkunde heraus und betrachtete das feste Papier mit dem amtlichen Stempel. Vor fünf Jahren hatte sie im Standesamt vor Glück geweint und sich an Sebastians Schulter gelehnt.
Jetzt wirkte dieses Dokument auf sie eher wie die Bestätigung einer vorzeitigen Entlassung aus einer Haftanstalt.
Sie trug die Heiratsurkunde in den Flur und legte sie auf die Kommode. Daneben warf sie Sebastians Wohnungsschlüssel, die er an diesem Morgen auf dem Nachttisch vergessen hatte, weil sie so hektisch zum Wochenendhaus aufgebrochen waren.
Noch einmal trat Anna hinaus, musterte die beiden Koffer und die Tüte auf dem Treppenabsatz. Dann kehrte sie in die Wohnung zurück und zog die schwere Metalltür hinter sich ins Schloss.
Sie nahm ihren eigenen Schlüssel.
Von innen steckte sie ihn ins Schlüsselloch.
Dann drehte sie ihn zweimal vollständig herum.
Anschließend ließ sie ihn einfach stecken.
Das alte, aber erstaunlich solide Schloss ihrer Sicherheitstür hatte eine mechanische Eigenheit: Steckte innen ein Schlüssel, ließ sich von außen kein zweiter Schlüssel mehr einführen — selbst dann nicht, wenn es der passende Originalschlüssel war. Der Mechanismus blockierte.
Für Sebastian war der Rückweg damit endgültig versperrt.
In die Wohnung.
Und in ihr Leben.
Finale ohne Zwischenspiel
Anna ging in die helle Küche und schaltete den Wasserkocher ein.
Aus dem oberen Schrank nahm sie ihre liebste Keramiktasse. Dann gab sie losen Tee mit Thymian hinein, dessen Duft sich sofort in der Luft ausbreitete.
Erst jetzt spürte sie, wie müde ihre Beine waren. Sie setzte sich auf den Stuhl am offenen Fenster und sah hinaus auf die abendliche Stadt. Unten lebte alles weiter wie immer. Irgendwo hupten Autos. Im Hof lachten Kinder. Aus einer entfernten Wohnung drang Musik.