„Du entscheidest dich also für sie?“ Stefanies Stimme kippte sofort wieder in ein schrilles Kreischen. „Für diese… diese Schlange, die nicht einmal der Mutter ihres eigenen Mannes helfen will?“
„Mach’s gut, Mama“, sagte Jakob nur und beendete das Gespräch.
Für einen Moment war es vollkommen still. Dann legte er das Handy auf den Tisch und sah Marie an.
„Es tut mir leid“, sagte er mit gedrückter Stimme. „Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass meine Mutter zu so etwas fähig ist.“
Marie hob nur leicht die Schultern.
„Ich habe gemerkt, dass die Karte fehlt. Deshalb habe ich sie sofort sperren lassen.“
Jakob griff nach ihrer Hand und drückte sie fest.
„Das war richtig. Du hast genau das Richtige getan.“
„Jakob“, sagte Marie leise und erwiderte den Druck seiner Finger. „Deine Mutter wird nicht einfach aufhören. Sie wird es wieder versuchen.“
„Ich weiß.“ Er nickte langsam. „Aber diesmal werde ich es nicht mehr zulassen. Das verspreche ich dir. Du bist meine Frau. Du kommst für mich zuerst.“
Marie lächelte. Zum ersten Mal seit drei Monaten hatte sie das Gefühl, dass Jakob wirklich hinter ihr stand. Nicht nur mit Worten, nicht nur halbherzig, sondern mit echtem Verständnis. Er sah endlich, was sie die ganze Zeit gesehen hatte.
Da begann sein Handy erneut zu klingeln. Auf dem Display erschien wieder Stefanies Name. Jakob drückte den Anruf weg. Kaum war es still, rief sie noch einmal an. Diesmal stellte er das Telefon lautlos und legte es mit dem Bildschirm nach unten auf den Tisch.
„Sie wird die ganze Nacht weiter anrufen“, murmelte er erschöpft.
„Dann soll sie eben“, sagte Marie ruhig. „Irgendwann wird sie müde werden.“
Jakob sah sie lange an.
„Weißt du… ich schäme mich. Für sie. Dafür, dass sie so ist.“
„Du hast sie nicht so erzogen“, erwiderte Marie mit einem kleinen, müden Lächeln.
„Nein“, sagte er und schüttelte den Kopf. „Aber ich habe viel zu lange weggesehen. Ich habe mir eingeredet, sie sei eben meine Mutter. Dass sie sich sorgt, dass sie es schwer hat, dass man Rücksicht nehmen muss. Und jetzt stellt sich heraus, dass sie sogar bereit ist, zu stehlen.“
Marie stand auf und begann, die Teller zusammenzustellen.
„Wenn Menschen unbedingt Geld wollen, rechtfertigen manche vor sich selbst fast alles. Wichtig ist, dass du es jetzt verstanden hast.“
Jakob erhob sich ebenfalls und half ihr, den Tisch abzuräumen. Gemeinsam spülten sie das Geschirr, wischten die Arbeitsfläche ab und brachten die Küche in Ordnung. Sein Handy leuchtete immer wieder auf, doch Jakob warf nicht einmal mehr einen Blick darauf.
Plötzlich blieb er stehen.
„Und wenn sie hier auftaucht?“ fragte er besorgt. „Wenn sie vor der Tür steht und eine Szene macht?“
„Dann lassen wir sie nicht rein“, antwortete Marie schlicht. „Ich muss niemanden in meine Wohnung lassen, der meine Sachen nimmt.“
„Sie wird das ganze Treppenhaus zusammenschreien“, sagte Jakob und verzog das Gesicht, als könne er die Szene bereits vor sich sehen.
Marie schnaubte leise.
„Dann hören die Nachbarn eben, dass deine Mutter fremde Bankkarten aus Taschen zieht. Ich bezweifle, dass sie danach allzu viel Mitleid mit ihr haben werden.“