„Wir gewöhnen uns ein“, antwortete Johanna vorsichtig.
„Pass beim Wasserkocher auf den Griff auf“, fügte ihre Schwiegermutter hinzu. „Der hat schon lange einen Riss.“
Johanna musste unwillkürlich lächeln.
„Gut. Danke, Stefanie.“
Am anderen Ende blieb es einen Moment still.
„Sag das nicht so, als wäre ich eine Fremde“, sagte Stefanie beinahe flüsternd. Dann legte sie auf.
Dominik hatte es gehört und schmunzelte müde.
„Siehst du. Am Ende sind wir eben doch Familie.“
Johanna sah zum Fenster hinaus: auf den grauen Himmel, auf den Balkon, an dessen Leine die Wäsche genau so hing, wie sie es wollte. Zum ersten Mal seit vielen Jahren machte ihr die Stille keine Angst.
Am Abend fragte Finn wieder nach seiner Großmutter.
„Kommt sie zu uns?“
Johanna setzte sich neben ihn und sah ihren Sohn an.
„Ja, sie kommt. Manchmal brauchen auch Erwachsene ein bisschen Zeit, um sich an Veränderungen zu gewöhnen.“
Finn legte die Arme um ihren Hals und blieb lange schweigend so sitzen.
Vor dem Schlafengehen ging Johanna noch einmal durch alle Räume. Sie prüfte die Fenster, legte Kleidung in die Regale und rückte ein paar Dinge zurecht. In der Küche duftete es nach Äpfeln und nach dem Tee vom Morgen. Noch immer wirkte manches provisorisch, als könnten sie jeden Moment wieder aufbrechen. Doch von Tag zu Tag wurde diese Wohnung ein wenig mehr zu ihrem Ort.
Als Dominik das Licht löschte, legte Johanna sich neben ihn, schloss die Augen und spürte plötzlich klarer als je zuvor: Hier würde niemand ihr vorschreiben, wie sie zu leben hatte. Hier durfte sie tief durchatmen. Sie durfte Fehler machen. Sie durfte sie selbst sein.
Die Stille des neuen Zuhauses war nicht länger bedrohlich. Sie war zu ihrer Verbündeten geworden.