Geschichte
„Mama, warum schläft auf meinem Bett irgendeine fremde Frau?“ fragte Elias entsetzt, während Julia wie angewurzelt im Flur stand

„Mama, warum schläft auf meinem Bett irgendeine fremde Frau?“ fragte Elias entsetzt, während Julia wie angewurzelt im Flur stand

Diese schamlose Inbesitznahme vernichtet unsere vertraute Ordnung.

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496 Leser 8 Seiten ~3 Min.

— Mama, warum schläft auf meinem Bett irgendeine fremde Frau?

Der achtjährige Elias stand in der Tür seines Kinderzimmers und deutete mit ausgestrecktem Finger nach drinnen. Dort, auf der unteren Liege, direkt auf der Tagesdecke mit den kleinen Autos, lag halb sitzend eine ältere Frau, die Julia noch nie gesehen hatte. Sie blätterte auf ihrem Handy herum und hielt es nicht einmal für nötig, den Kopf zu heben.

Julia blieb im Flur ihrer eigenen Wohnung wie angewurzelt stehen. Weder Jacke noch Stiefel hatte sie ausgezogen. Aus der Küche kroch ein Geruch nach gekochtem Kohl herüber — ein Geruch, den es in diesem Zuhause bisher nie gegeben hatte. Entlang der Wand standen Reisetaschen. Eine, zwei, drei, vier, fünf. Riesige karierte Taschen, solche, mit denen man sonst Großeinkäufe vom Markt schleppt. Daneben reihten sich fremde Hausschuhe ordentlich an der Fußleiste auf.

— Elias, komm mal zu mir, — sagte Julia leise und zog ihren Sohn an sich.

Da erschien ihre Schwiegermutter in der Küchentür. Sandra strahlte breit, während sie sich die Hände an einem Geschirrtuch abwischte — an Julias Geschirrtuch, dem Waffeltuch mit den kleinen Hähnen darauf.

— Julchen! Endlich bist du da. Wir warten schon die ganze Zeit auf dich. Komm rein, warum stehst du denn da wie bestellt und nicht abgeholt? Ich habe einen richtigen Kohleintopf gekocht, nicht so ein Fertigsüppchen, wie ihr es sonst esst.

— Sandra, — Julia schluckte mühsam. — Wer liegt da im Kinderzimmer?

— Ach, das ist Magdalena, meine Cousine. Sie ist gerade mit der Regionalbahn angekommen und völlig erschöpft. Sie ruht sich nur ein Stündchen aus. Ist doch kein Problem, oder? Du hast doch sicher nichts dagegen.

Langsam ließ Julia den Blick von der Küche in den Flur gleiten, dann weiter zur Kinderzimmertür. Fünf Taschen. Eine unbekannte Frau auf dem Bett ihres Sohnes. Ihre Schwiegermutter mit Schürze am Herd. Und überall dieser Kohlgeruch, als hätte er sich bereits in Wände, Vorhänge und Möbel gefressen.

— Wo ist Leon? — fragte sie schließlich nach ihrem Mann.

— Dein Leon ist auf der Arbeit, wo denn sonst. Heute Abend kommt er. Zieh dich doch erst mal aus, Kind. Du stehst hier, als wärst du nicht zu Hause.

Diese Wohnung hatte Julia von ihrem Großvater bekommen. Sie war nicht riesig, nur eine Dreizimmerwohnung in einem Plattenbau am Stadtrand, mit Blick auf die Wendeschleife der Straßenbahn. Aber sie gehörte ihr. Otto, ihr Großvater, hatte ihr die Schenkung überschrieben, als Julia gerade die Hochschule beendet hatte. Er war damals mit ihr zum Notar gegangen und hatte alles ordentlich, sauber und unmissverständlich regeln lassen.

— Nimm sie, meine Enkelin, — hatte er zu ihr gesagt. — Ein eigenes Dach über dem Kopf bedeutet, dass dich niemand vor die Tür setzen kann. Merk dir eines: Wem die Tür gehört, dem gehört auch ein Stück vom eigenen Schicksal.

Damals hatte Julia über diese großväterliche Weisheit gelacht. Jetzt stand sie in ihrem Flur und erinnerte sich an jedes einzelne Wort.

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