Als sie Leon geheiratet hatte, war er zu ihr gezogen. Das war praktisch gewesen und irgendwie selbstverständlich: Weshalb Miete zahlen, wenn eine eigene Wohnung vorhanden war? Leon war damals ein umgänglicher, fleißiger Mann gewesen. Beim Renovieren hatte er zugepackt. Gemeinsam hatten sie die Wände gestrichen, neuen Laminatboden verlegt und den Wasserhahn in der Küche ausgetauscht. Julia war ihm dafür dankbar gewesen. Doch Eigentümerin blieb sie. So hatte Otto es gewollt, und genauso stand es in den Unterlagen.
Bis zu diesem Tag war ihre Schwiegermutter nur selten zu Besuch gekommen. Sandra wohnte draußen im Umland, in einem eigenen kleinen Haus, und tauchte meist nur an größeren Feiertagen auf. Jedes Mal, wenn sie die Schwelle betrat, ließ sie einen langen, prüfenden Blick durch die Zimmer wandern — als überlegte sie schon, was sie alles anders stellen würde, wenn sie hier das Sagen hätte.
Leon kam erst gegen neun Uhr abends nach Hause. Bis dahin hatte Julia Elias etwas zu essen gegeben und ihn ins Schlafzimmer gebracht — in ihr eigenes, denn im Kinderzimmer hielt sich weiterhin die rätselhafte Magdalena auf. Danach hatte sie einen ganzen Berg Geschirr gespült, den Sandra und deren Cousine nach dem Essen zurückgelassen hatten. Sandra hatte es sich im Wohnzimmer vor dem Fernseher bequem gemacht, die Füße auf den Hocker gelegt und kommentierte die Serie so laut, als wäre sie allein in der Wohnung.
— Ah, da ist ja unser Ernährer! — rief sie erfreut, als ihr Sohn hereinkam. — Leonchen, willst du essen? Ich habe einen großen Topf Suppe gekocht.
— Später, Mama. — Leon fing Julias Blick auf. — Julia, was ist denn mit dir los?
Ohne ein Wort deutete Julia in Richtung Schlafzimmer. Sie ging voraus, wartete, bis er ihr folgte, und zog die Tür hinter ihnen fast vollständig zu.
— Leon. Erklär mir bitte, was hier in meiner Wohnung vor sich geht.
— Was meinst du? — Er setzte sich auf die Bettkante und begann, seine Socken auszuziehen. — Mama ist zu Besuch gekommen. Habe ich dir das nicht gesagt?
— Nein, hast du nicht. Und was diesen „Besuch“ betrifft: Im Flur stehen fünf riesige Taschen. Mit so einem Gepäck fährt man nicht für ein Wochenende irgendwohin.
Leon atmete schwer aus. Es war genau dieser Seufzer, den Julia inzwischen kannte: der Seufzer eines Menschen, der sich innerlich längst auf ein unangenehmes Gespräch eingestellt hatte und nun hoffte, es aussitzen zu können wie einen Regenschauer unter einem Vordach.
— Hör zu, es ist gerade etwas schwierig. Bei Mama gibt es ein Problem mit dem Haus. Das Dach ist undicht, da muss ordentlich repariert werden. Sie bleibt erst einmal bei uns, bis alles geregelt ist.
— Was bedeutet „erst einmal“ genau?
— Na ja… einen Monat vielleicht. Oder eben so lange, wie die Reparatur dauert.
— Und wozu ist ihre Cousine hier?
— Magdalena? Sie hilft Mama im Haushalt. Allein schafft sie das doch nicht.
Julia setzte sich ihm gegenüber. Hinter der Wand dröhnte der Fernseher, und Sandra lachte hell und ausgelassen über irgendetwas.
— Leon, ist dir eigentlich klar, dass du zwei Menschen in mein Zuhause gebracht hast, ohne mich vorher auch nur zu fragen?