— Elias schläft in seinem Zimmer. So wie bisher.

— Was bist du denn für eine Mutter? — Sandra schlug empört die Hände zusammen. — Für dein Kind ist dir ein Klappbett zu schade, aber zwei ältere Frauen tun dir nicht leid. Das ist purer Egoismus, Julia. So hat man dich wohl erzogen.

Julia spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg. Nicht vor Scham, sondern vor Wut, die heiß in ihr hochkochte. Trotzdem atmete sie ein. Langsam. Tief.

— Bitte räumen Sie die Spielsachen wieder ins Regal. Und fassen Sie das Zimmer meines Sohnes künftig nicht mehr ohne meine Erlaubnis an.

— Na, hör mal einer an, wie sie hier Befehle erteilt, — zischte Sandra ihr hinterher. Leise genug, um es abstreiten zu können, aber laut genug, damit Julia es hörte.

Am Abend versuchte Julia erneut, mit ihrem Mann zu sprechen.

— Leon, deine Mutter wollte Elias aus seinem Zimmer verdrängen. Unser Kind sollte auf ein Klappbett, während sie mit Magdalena ins Kinderzimmer zieht.

— Und wo ist jetzt das Drama? — Leon sah nicht einmal von seinem Handy auf. — Ehrlich, dann hätte Elias eben eine Woche bei uns geschlafen. Was wäre daran so schlimm gewesen?

— Eine Woche? Leon, sie sind seit acht Tagen hier. Und es sieht nicht so aus, als hätte irgendjemand vor, daran etwas zu ändern.

— Julia, jetzt halt doch einfach mal durch. Das ist Familie.

— Für dich ist es Familie. Für mich ist es deine Mutter, die seit acht Tagen in meiner Wohnung bestimmt, mein Kind aus seinem Zimmer drängen will und mich dann auch noch egoistisch nennt.

— Du übertreibst.

Julia sah ihn lange an. In diesem Moment begriff sie zum ersten Mal ganz klar: Er stand nicht auf ihrer Seite. Vielleicht hatte er das nie getan. Bisher hatte er sich nur nie entscheiden müssen.

Am zehnten Tag rief Hannah an, die alte Nachbarin ihres Großvaters. Sie kannte Julia schon, seit diese kaum laufen konnte, und wohnte ein Stockwerk unter der Wohnung, in der Otto früher gelebt hatte.

— Julchen, komm lieber mal vorbei und hör dich um, — sagte die alte Frau mit gedämpfter Stimme. — Deine Schwiegermutter war hier im Haus. Sie hat unsere Hauswartin ausgefragt. Wie man einen Anteil an einer Wohnung überschreibt und wie man jemanden so anmeldet, dass man ihn hinterher nicht mehr einfach abmelden kann. Ich bin zufällig vorbeigegangen und hab ein paar Worte aufgeschnappt. Sei vorsichtig, mein Kind.

Julia bedankte sich, legte auf und blieb mit dem Telefon in der Hand stehen. In ihren Schläfen pochte es. Jemanden so anmelden, dass man ihn nicht wieder loswird. Einen Anteil überschreiben lassen.

Am Abend wartete sie, bis Leon aus der Dusche kam, und stellte sich ihm direkt in den Weg.

— Leon. Deine Mutter erkundigt sich danach, wie man einen Anteil an meiner Wohnung bekommt. Und wie sie sich hier anmelden kann. Wusstest du davon?

Leon erstarrte, das Handtuch noch in den Händen. Es war nur ein winziges Zögern, kaum länger als ein halber Atemzug. Doch Julia reichte es, um alles zu verstehen.

— Na ja… wir haben darüber gesprochen, — brachte er schließlich hervor. — Nur theoretisch. Bei Mama ist mit dem Haus alles ungeklärt, und hier bei uns ist doch eigentlich genug Platz.