— Julia, jetzt fang bitte nicht mit „mein Zuhause“ an, — sagte ihr Mann und verzog das Gesicht. — Wir leben seit sechs Jahren hier.
— Unser Zuhause.
— Unseres ist es, wenn es darum geht, wer abwäscht oder den Müll runterbringt. Sobald aber entschieden wird, wer hier einziehen darf, ist es plötzlich sehr wohl meins. Die Wohnung läuft auf meinen Namen. Also entscheide auch ich, wer darin wohnt.
— Meinst du das wirklich ernst? — Leon hob ungläubig die Augenbrauen. — Das ist meine Mutter. Sie braucht Unterstützung. Und du fängst jetzt an, Besitzansprüche gegeneinander aufzurechnen.
— Ich rechne gar nichts auf. Ich sage nur, dass du mich hättest einbeziehen müssen. Bevor sie vor der Tür stand. Bevor ihre Cousine sich in das Bett unseres Sohnes gelegt hat.
Leon machte eine wegwerfende Handbewegung, ließ sich auf die Seite fallen und drehte ihr den Rücken zu.
— Morgen reden wir weiter. Ich bin erledigt.
Julia blieb noch lange im Dunkeln sitzen. Irgendwann verstummte hinter der Wand auch der Fernseher. Doch an Schlaf war für sie nicht zu denken.
Die erste Woche zog sich quälend hin. Sandra übernahm die Küche, als hätte sie dort seit Jahren das Kommando. Sie kochte nach ihrem Geschmack: schwer, fettig, in riesigen Mengen und fast immer mit gebratenen Zwiebeln, deren Geruch Julia abends Kopfschmerzen bereitete. Im Kühlschrank lagen die Lebensmittel plötzlich nach einer ihr völlig undurchschaubaren Ordnung. Julias Lieblingstee verschwand spurlos, stattdessen standen dort billige Teebeutel, die rochen, als hätte jemand trockenes Heu aufgebrüht.
Magdalena erwies sich als schweigsam, aber allgegenwärtig. Dreimal am Tag wischte sie die Böden, schob dabei Stühle und Kommoden hin und her, staubte Ecken ab, um die niemand sie gebeten hatte, und eines Tages ordnete sie Julias Bücher im Regal nach Farben. Danach war es nahezu unmöglich, auch nur einen bestimmten Band wiederzufinden.
— So sieht es doch viel hübscher aus, — sagte Magdalena nur und zuckte mit den Schultern, als Julia sie darauf ansprach.
Am achten Tag kam Elias weinend aus der Schule nach Hause.
— Mama, Oma Sandra hat gesagt, ich soll jetzt bei euch im Schlafzimmer auf so einem Klappbett schlafen. In meinem Zimmer wohnen dann sie und Tante Magdalena. Weil es ihnen zu zweit zu eng ist.
Julia legte langsam den Löffel ab. Ihr Herz begann heftig zu schlagen.
— Wer hat das gesagt?
— Oma Sandra. Sie hat meine Spielsachen schon in eine Kiste gepackt.
Julia stand auf und ging ins Kinderzimmer. Es stimmte. Elias’ Regal war halb leergeräumt, seine kleinen Autos lagen durcheinander in einem Pappkarton, und auf seinem Bett lag bereits ein fremdes Nachthemd.
— Sandra. — Julias Stimme zitterte, doch sie zwang sich, ruhig zu sprechen. — Warum sind die Sachen meines Kindes in einer Kiste?
Ihre Schwiegermutter erschien in der Tür, vollkommen ungerührt, ein Geschirrtuch über der Schulter.
— Julia, denk doch mal vernünftig nach. Magdalena und ich haben zu zweit in einem Zimmer kaum Platz, wir sind schließlich keine jungen Mädchen mehr. Und Elias? Der ist noch klein. Auf einem Klappbett schläft er wunderbar. Kinder schlafen überall.