Wozu auch, wenn es eine Schwägerin gab, auf die man alles abladen konnte.
Andrea meldete sich nicht. Kein Anruf, keine Nachricht. Gerade dieses Schweigen sagte mehr als jeder Vorwurf.
Im Oktober ging Hannah in der Mittagspause ohne bestimmtes Ziel durch die Straßen. Sie blieb vor dem Schaufenster eines kleinen Ladens stehen, in dem Schlösser, Türgriffe und Beschläge ausgestellt waren. Zwischen Messingklinken und Schlüsselschildern lag ein schlichtes Türschloss, blank poliert, daneben zwei Schlüssel an einem kleinen Ring.
Hannah betrachtete es lange.
Das Merkwürdigste an allem war nicht, dass sie gegangen war. Auch nicht, dass sie die Schlösser hatte austauschen lassen. Sondern dass sie sich so lange nicht einmal erlaubt hatte, ernsthaft daran zu denken. Als hätte sie kein Recht darauf. Als müsse man sich dieses Recht erst verdienen.
Dabei war es immer da gewesen.
Von Anfang an.
Sie kaufte sich an einem Kiosk in der Nähe einen Kaffee und trat wieder hinaus. Die Herbstluft war kühl und scharf, unter ihren Schuhen raschelten Blätter. Alles um sie herum war vollkommen gewöhnlich: Menschen mit Einkaufstaschen, Autos an der Ampel, ein Hund, der an einer Laterne schnupperte.
Und ausgerechnet diese Gewöhnlichkeit fühlte sich auf einmal kostbar an.
Ein normales Leben.
Ihr Leben.
Und niemandes sonst.
Ein halbes Jahr verging.
Hannah bemerkte kaum, wann genau es passiert war. Irgendwann hörte sie einfach auf, Tage zu zählen. Früher hatte sie gezählt: wie lange noch bis zum Wochenende, wie viele Wochen bis zum Urlaub, wie viel Geduld sie noch aufbringen musste. Jetzt tat sie das nicht mehr. Die Tage kamen und gingen von selbst, und in diesem einfachen Ablauf lag eine Leichtigkeit, an die sie sich erst gewöhnen musste.
Die Wohnung im dritten Stock wurde langsam zu ihrem Zuhause. Ohne Eile, Stück für Stück. Zuerst kamen Vorhänge, die sie selbst aussuchte, lange und mit Freude, ohne eine Stimme im Hintergrund, die alles besser wusste. Dann ein kleines Bücherregal neben dem Bett. Ein Teppich vor dem Sofa. Zwei Töpfe mit Geranien auf der Fensterbank.
Kleinigkeiten nur.
Aber jede einzelne gehörte ihr.
Morgens trank sie ihren Kaffee am Fenster und sah in den Hof hinunter. Dort standen zwei alte Ahornbäume. Im Frühling wurden sie auf einmal so schnell und so leuchtend grün, dass Hannah eines Morgens mit der Tasse in der Hand stehen blieb und sie einfach ansah. Lange. Ohne etwas zu planen, ohne innerlich eine Liste abzuarbeiten, ohne sich gegen irgendeinen Gedanken zu wehren.
Auch das war neu.
Im Februar reichte Moritz die Scheidung ein. Hannah unterschrieb die notwendigen Unterlagen ohne Diskussion. Sie trafen sich in einer Kanzlei, sachlich, kurz, fast geschäftsmäßig. Moritz sah müde aus. Und kleiner, als sie ihn in Erinnerung gehabt hatte. Als wäre er ohne die ständige Zustimmung seiner Mutter ein wenig in sich zusammengesunken.
Hannah empfand keine Schadenfreude.
Sie nahm es nur wahr — und ließ es dann los.
Andrea rief nie an. Emilia ebenfalls nicht. Irgendwo am Rand ihres Bewusstseins hatte Hannah eine Zeit lang noch auf ein letztes Gespräch gewartet. Auf eine Erklärung vielleicht. Oder sogar auf eine Entschuldigung. Doch nichts davon kam.
Es blieb still.
Und diese Stille erwies sich als die klarste Antwort von allen.
Im Mai meldete Hannah sich für einen Kurs im Steuerrecht an. Sie hatte es schon lange vorgehabt und immer wieder verschoben. Freitags nach dem Unterricht ging sie mit Luisa in ein kleines Café in der Nähe. Sie bestellten etwas, einfach so, ohne Anlass, und sprachen über alles Mögliche: über die Arbeit, über Bücher, über Pläne für den Sommer.
Eines Tages fragte Luisa:
— Bereust du es?
Hannah dachte nach. Ruhig. Ehrlich. Ohne sich zu beeilen.
— Nein, — sagte sie schließlich. — Nicht im Geringsten.
Und es stimmte. Es war keine trotzige Antwort und auch keine bittere. Nur die Wahrheit.
Leicht und klar wie der Frühlingstag draußen vor dem Fenster.