
„Iss das, was übrig geblieben ist“, fuhr er sie vor der ganzen Familie an
Diese selbstverständliche Gleichgültigkeit ist schmerzhaft ungerecht.
Zwei Tage lang hatte Sabine alles für Jakobs Geburtstag vorbereitet. Doch als sie später um einen sauberen Teller mit Essen bat, fuhr er sie vor seiner gesamten Familie an: „Iss das, was übrig geblieben ist.“
Später versuchte Sabine immer wieder, sich daran zu erinnern, an welcher Stelle dieser Tag aufgehört hatte, ein Fest zu sein.
Vielleicht war es gar nicht erst der Moment gewesen, in dem Jakob laut wurde.
Vielleicht hatte es schon viel früher begonnen.
Um 5:47 Uhr morgens, als sie die Augen aufschlug und sofort wusste, dass sie nicht einmal drei Stunden geschlafen hatte.

Oder als in der Küche bereits der Geruch von Zwiebeln, Roter Bete, rohem Fleisch und einem feuchten Lappen hing.
Vielleicht auch in dem Augenblick, als sie barfuß auf das kalte Linoleum trat und als Erstes nicht prüfte, wie es ihr ging, sondern ob auf der Einkaufsliste noch etwas fehlte.
Ihre Wohnung war klein, gemietet, irgendwo in einer ganz gewöhnlichen deutschen Stadt, in einem Viertel, in dem die Häuser dicht beieinanderstanden und die Geräusche der Nachbarn manchmal klangen, als gehörten sie zum eigenen Leben.
Eine schmale Küche. Ein winziges Wohnzimmer. Ein Balkon, auf dem ständig Wäsche trocknete. Ein Flur, in dem Jakob seine Schuhe grundsätzlich so stehen ließ, dass Sabine nachts darüber stolperte.
Sie beschwerte sich nicht.
Eigentlich beschwerte sie sich fast nie.
In vier Ehejahren hatte Sabine gelernt, selbst aus beengten Räumen etwas Warmes zu machen.
Auf der Fensterbank wuchs Basilikum.
Über einem kleinen Regal hing ein besticktes Tuch, das ihre Mutter ihr einmal mitgegeben hatte.
Neben dem Esstisch hingen zwei bemalte Teller mit leuchtenden Blumenmustern. Sie wirkten fast fröhlich, als hätte jemand absichtlich einen hellen Fleck in diese Wohnung gesetzt.
Im Schrank lag eine weiße Tischdecke, die Sabine nur an besonderen Tagen hervorholte.
Und seinen vierzigsten Geburtstag hatte Jakob selbst zu einem besonderen Tag erklärt.
Eine Woche vor der Feier saß er in der Küche, löffelte Suppe und sprach darüber nicht wie über ein Familienessen, sondern beinahe wie über einen offiziellen Empfang.
„Sabine, vierzig wird man nicht jeden Tag“, sagte er. „Meine Eltern kommen. Andrea auch. Onkel und Tante reisen an. Ich will nicht dastehen, als liefe bei uns alles schief.“
Sabine sah ihn damals müde an, aber ohne Härte.
„In einer Woche ist die Miete fällig. Und meinen Kurs muss ich auch bezahlen. Wir können einen schönen Tisch machen, aber ohne dieses ganze Vorführen.“
„Ohne Vorführen?“ Jakob schnaubte. „Du kennst doch meine Schwester. Danach erzählt sie jedem, bei uns habe es nicht mal eine anständige Feier gegeben.“
Sabine kannte Andrea.
Andrea war Jakobs ältere Schwester. Sie arbeitete als Juristin in einem Bezirksbüro und trug ihr Selbstbewusstsein wie andere einen teuren Blazer.
Sie konnte so lächeln, dass der Mensch neben ihr sich augenblicklich kleiner fühlte.
Vom ersten Tag an behandelte Andrea Sabine wie eine Frau, die schon dafür dankbar sein sollte, überhaupt in diese Familie aufgenommen worden zu sein.
Tippe auf Weiter, um fortzufahren