
„Wir wohnen dann bei dir, eine Woche, vielleicht zwei. In Ordnung?“ verlangte Tante Nicole am Telefon, Lena zog die Zähne zusammen und lehnte kategorisch ab
Diese unverschämte Anspruchshaltung verletzt mich zutiefst.
– Lena Krüger, hier ist Tante Nicole Walter! – Die Stimme am Telefon klang so aufgesetzt fröhlich, dass es Lena Krüger beinahe die Zähne zusammenzog. – Wir sind nächste Woche in der Stadt, wir müssen ein paar Unterlagen erledigen. Wir wohnen dann bei dir, eine Woche, vielleicht zwei. In Ordnung?
Lena Krüger verschluckte sich fast an ihrem Tee. Einfach so. Kein „Hallo“, kein „Wie geht es dir?“, sondern sofort diese Ansage: Wir wohnen bei dir. Nicht: Dürfen wir? Nicht: Passt es dir überhaupt? Nein. Wir kommen. Punkt.
– Tante Nicole Walter, – sagte Lena Krüger und zwang sich, ruhig und freundlich zu klingen, – ich freue mich wirklich, von dir zu hören. Aber wegen der Übernachtung… Lass mich lieber ein Hotel für euch suchen. Es gibt im Moment gute Angebote, gar nicht teuer.
– Ein Hotel? – Nicole Walter schnaubte, als hätte ihre Nichte gerade den größten Unsinn der Welt vorgeschlagen. – Wozu sollen wir Geld aus dem Fenster werfen? Du hast doch die Dreizimmerwohnung von deinem Vater geerbt! Eine ganze Wohnung mit drei Zimmern, und du lebst dort allein!
Lena Krüger schloss kurz die Augen. Also fing es wieder an.

– Es ist meine Wohnung, Tante.
– Deine? – In ihrer Stimme lag plötzlich etwas Scharfes, Unangenehmes. – Und dein Vater, zu wem hat der gehört? Etwa nicht zu unserer Familie? Blut ist dicker als Wasser, Lena Krüger. Wir sind keine Fremden für dich, und du willst uns in ein Hotel abschieben, als wären wir irgendwelche Straßenköter!
– Ich schiebe niemanden irgendwohin ab. Es geht nur nicht, dass ihr bei mir unterkommt.
– Ach ja? Und warum bitte nicht?
Weil ihr mir beim letzten Mal mein Leben in eine private Vorhölle verwandelt habt, dachte Lena Krüger. Laut sagte sie jedoch nur:
– Es gibt Gründe, Tante Nicole Walter. Ich kann euch nicht aufnehmen.
– Gründe hat sie! – Nun machte Nicole Walter keinen Versuch mehr, ihren Ärger zu verbergen. – Drei Zimmer stehen leer, aber sie hat Gründe! Dein Vater hätte seine Familie übrigens niemals vor die Tür gesetzt. Du kommst ganz nach deiner Mutter, genauso…
– Tante…
– Was heißt hier Tante? Wir kommen am Samstag, gegen Mittag. Moritz Engel und Finn König sind auch dabei. Du wirst uns ordentlich empfangen.
– Ich habe doch gesagt, dass es nicht geht.
– Lena Krüger! – Der Ton am anderen Ende wurde hart, befehlend. – Darüber wird nicht diskutiert. Samstag sind wir da.
Dann knackte es in der Leitung, und nur noch kurze Signaltöne blieben zurück.
Langsam legte Lena Krüger das Handy auf den Tisch. Eine Minute lang saß sie reglos da und starrte ins Leere. Schließlich atmete sie schwer aus und lehnte sich gegen die Stuhllehne.
Genau so lief es immer.
Vor zwei Jahren hatte Nicole Walter schon einmal „nur kurz“ bei ihr gewohnt. Damals waren sie zu viert vor der Tür gestanden, angeblich für drei Tage; am Ende wurden daraus zwei volle Wochen. Lena Krüger erinnerte sich noch immer an dieses Chaos: Moritz Engel, Nicoles Mann, lag mit Straßenschuhen auf ihrem Sofa und zappte bis tief in die Nacht durch die Programme. Und auch Finn König, ihr Sohn, gehörte zu diesem Albtraum.
Tippe auf Weiter, um fortzufahren