Geschichte
„Zieh die Jacke an. Draußen ist es heute kühl“ sagte Charlotte ruhig und hielt Hannah die Jacke hin

„Zieh die Jacke an. Draußen ist es heute kühl“ sagte Charlotte ruhig und hielt Hannah die Jacke hin

Die schroffe Geste war zugleich fair und grausam.

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68 Leser 3 Seiten ~3 Min.

Charlotte Lange nahm die hellbeige Jacke vom Metallbügel und hielt sie Hannah Hartmann mit einer knappen, entschlossenen Bewegung hin.

Leon Hermann stand neben dem Schuhschrank, als wolle er mit der Wand verschmelzen. Weder seiner Frau noch seiner leiblichen Schwester schenkte er einen Blick.

Hannah umklammerte mit beiden Händen das neue Handy mit dem glänzend violetten Gehäuse und presste es an sich, als handle es sich um einen kostbaren Schatz.

Verunsichert sah sie erst ihren Bruder, dann ihre Schwägerin an.

Charlotte schwieg. Sie wartete nur.

Hinter der Wohnungstür brummte langgezogen der Aufzug. Irgendwo oben fiel eine Tür laut ins Schloss. In ihrem Flur aber breitete sich eine schwere Stille aus, dicht und beinahe greifbar.

Hannah wich langsam bis zur Schwelle zurück, ohne das Smartphone loszulassen.

„Zieh die Jacke an. Draußen ist es heute kühl“, sagte Charlotte ruhig.

Dabei war es erst zwei Tage her, dass sie die Treppen bis in den fünften Stock eines alten Plattenbaus hinaufgestiegen war, in jeder Hand eine prall gefüllte Einkaufstasche.

Hannah hatte ihr in einem schlichten, geblümten Hauskittel geöffnet. Das Haar war achtlos zu einem lockeren Knoten am Hinterkopf zusammengeschoben.

Auf dem Küchentisch lagen unbezahlte Rechnungen übereinander. Obenauf stand eine leere Zuckerdose und beschwerte den Stapel.

„Ich schlage mich durch, so gut es eben geht, Charlotte“, hatte ihre Schwägerin sofort geklagt, während sie hastig Buchweizen und Nudeln aus den Tüten zog.

Geschäftig verteilte sie Reispackungen und Dosen mit Eintopf in den Regalen.

„Jeden einzelnen Cent muss ich dreimal umdrehen.“

Dann griff Hannah nach einer Zahlungsaufforderung und wedelte damit in der Luft.

„Für den Strom ist schon wieder eine Mahnung gekommen. Mir wird schlecht, wenn ich nur draufsehe. Wie man so weiterleben soll, weiß ich wirklich nicht. Hast du gesehen, was alles im Laden kostet?“

„Habe ich“, erwiderte Charlotte knapp.

„Eben! Genau das meine ich doch!“

Mit einem harten Schlag drückte Hannah die Schranktür zu.

„Und mein Ex überweist den Unterhalt schon wieder zu spät. Ich rufe ihn an, erkläre ihm, dass das Kind seit einem Monat kein vernünftiges Fleisch mehr gegessen hat. Und er legt einfach auf!“

Charlotte wusch sich schweigend am Wasserhahn die Hände und schüttelte die Tropfen ins Becken.

Ihr gemeinsamer Sohn Liam Ludwig hatte sie seit dem Morgen erneut gebeten, noch etwas Geld für neue Turnschuhe dazuzugeben. Den ganzen Winter lang war der Junge in seinen alten Stiefeln herumgelaufen.

und hatte sich für den Frühling endlich richtige Sportschuhe gewünscht.

Charlotte hatte ihm absagen müssen.

Alles, was nicht unmittelbar für Miete, Lebensmittel und Rechnungen gebraucht wurde, war wieder in die nächste Rate für Hannah Hartmanns Schulden geflossen.

Seit sechs Jahren ging das nun schon so.

Genau seit jenem Tag, an dem der Mann ihrer Schwägerin spurlos verschwunden war und Hannah mit einem kleinen Mädchen und einem ganzen Stapel offener Kredite zurückgelassen hatte.

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