„Leon überweist dir nach seinem Vorschuss bestimmt noch etwas“, sagte Charlotte widerwillig und trocknete sich die Hände an einem Topflappen ab.
„Ach, du bist meine Rettung!“
Hannah riss theatralisch die Arme hoch und hätte dabei beinahe die Packung Margarine fallen lassen.
„Wir sind doch Familie. Wer soll einer armen, verlassenen Frau denn sonst beistehen? Ohne euch wäre ich längst verhungert, wirklich. Ich lebe praktisch nur von Nudeln.“
Mit dem Finger fuhr sie sich unter dem Auge entlang, als wischte sie eine Träne fort, die gar nicht da war.
„Für mich selbst kaufe ich überhaupt nichts. Laufmaschen kann man zunähen, alte Schuhe putzt man mit Creme, dann sehen sie wieder ordentlich aus. Alles geht für den Haushalt drauf, alles für mein Töchterchen.“
Charlotte zog im Flur schweigend ihre Schuhe an.
Direkt neben der Wohnungstür stand ein prall gefüllter schwarzer Müllsack. Ein säuerlicher, unangenehmer Geruch stieg daraus auf.
„Ich nehme ihn mit runter“, sagte sie.
„Ach, du Liebe, tausend Dank! Sonst müsste ich mich wieder anziehen, die Treppe runter und alles…“, trällerte Hannah ihr hinterher. „Und erinner Leon bitte daran, dass er bis zum Zehnten wenigstens irgendetwas überweist. Die Inkassoleute drohen mir schon, auf der Arbeit anzurufen!“
Der Müllsack war schwerer, als Charlotte erwartet hatte. Irgendetwas Hartes und Kantiges drückte von innen gegen die dünne Folie.
Sie hielt ihn mit ausgestrecktem Arm von sich weg, damit ihr heller Mantel keine Flecken abbekam.
Bei den Containern riss das Plastik plötzlich an der Naht auf.
Kartoffelschalen, leere Verpackungen von teurer luftgetrockneter Wurst, eine Plastikbox von einem Sushi-Lieferdienst und ein zerknülltes Stück glänzendes Papier klatschten auf den nassen Asphalt.
Charlotte bückte sich, um den verstreuten Abfall aufzusammeln und den Platz vor den Tonnen nicht verdreckt zu hinterlassen.
Mit zwei Fingern hob sie die Lieferbox hoch. Auf dem Deckel klebte noch das Etikett mit einem Preis, der so gar nicht zu Hannahs Erzählungen über ein Leben von Nudeln passte.
Gleich daneben lag ein fester, feuchter Kassenbon zwischen den Abfällen.
Charlotte glättete den Bon fast automatisch mit den Fingern.
Oben prangte der Name eines Fachgeschäfts für Elektronik.
Darunter war ein Smartphone aufgeführt, das neueste Modell.
Als Charlotte den Endbetrag sah, las sie die Zahlen noch einmal. Dann ein zweites Mal.
Der Preis entsprach beinahe zwei ihrer Monatsgehälter.
Gekauft worden war es gestern.
Bezahlt: bar.
Lange starrte sie auf die blassen Druckzeilen. Vor ihrem inneren Auge tauchten die aufgerissenen Turnschuhe ihres Sohnes auf. Gleich danach dachte sie an Leon Hermann, der erst vor Kurzem die Angeltour mit seinen Freunden abgesagt hatte, weil, wie er sagte, jeder Euro für seine Schwester gebraucht werde, bei der „schon wieder alles brenne“.
Sechs Jahre lang hatten sie am eigenen Kind gespart.
Sechs Jahre lang hatten sie Ausflüge verschoben, Anschaffungen gestrichen und sich selbst vertröstet.
Charlotte faltete den Beleg sorgfältig zusammen und steckte ihn in die Tasche ihres Regenmantels.