„Und ich wollte herausfinden, wie weit du tatsächlich gehen würdest, sobald es um Geld aus der Firma geht. Aus diesem Grund habe ich vor zwei Monaten eine unauffällige interne Überprüfung anstoßen lassen.“
Sebastian ließ den Blick sinken.
Mit einem Mal fügte sich alles zusammen.
Darum hatte Julia nach einzelnen Kontoauszügen gefragt. Darum waren in der internen Kontrolle plötzlich neue Abläufe eingeführt worden. Darum hatten Freigaben, die früher innerhalb weniger Stunden erledigt gewesen waren, in den letzten Wochen auf einmal deutlich länger gebraucht.
Sie war nie die ahnungslose Ehefrau gewesen, für die er sie gehalten hatte.
Sie hatte gesammelt. Beobachtet. Beweise gesichert.
„Julia, bitte sieh mich an“, sagte er heiser. „Ich habe Mist gebaut. Ja. Aber wir können das irgendwie reparieren.“
„Nein.“
„Ich bin dein Mann.“
„Das warst du auch, als du die Hand gegen mich erhoben hast.“
Ihre Antwort traf den Raum wie ein endgültig zufallendes Schloss.
Ohne weiter zu zögern setzte Julia ihre Unterschrift unter die Kündigungsunterlagen.
Noch am selben Tag wurde Sebastian fristlos entlassen. Die Firma leitete zudem rechtliche Schritte ein und erstattete Anzeige wegen Untreue, Veruntreuung sowie missbräuchlicher Nutzung von Unternehmensgeldern.
Währenddessen begannen auch Christina und Hannah zu begreifen, dass das Leben, an das sie sich so selbstverständlich gewöhnt hatten, in sich zusammengefallen war.
Nachdem sie das Haus hatten verlassen müssen, saßen sie die ganze Nacht in einem Café, das rund um die Uhr geöffnet hatte. Hannah rief Daniel an, ihren Verlobten, fest überzeugt davon, dass er kommen und sie abholen würde.
„Du musst sofort herkommen“, weinte sie ins Telefon. „Julia hat uns einfach hinausgeworfen, als wären wir Kriminelle.“
Am anderen Ende blieb es für einige Sekunden still.
Dann sagte Daniel: „Ich habe das Video gesehen.“
„Du weißt nicht, wie alles wirklich war.“
„Ich habe gesehen, wie dein Bruder sie geschlagen hat. Ich habe gehört, wie deine Mutter sie ausgelacht und erniedrigt hat. Und ich habe auch gehört, was du gesagt hast: dass eine Frau, die arbeitet, nichts wert sei, wenn sie nicht gleichzeitig die Familie ihres Mannes bedient.“
Hannah presste das Handy so fest an ihr Ohr, dass ihre Fingerknöchel hell wurden.
„Wir waren aufgebracht.“
„Meine Eltern haben es ebenfalls gesehen. Die Hochzeit findet nicht statt.“
„Was?“
„Ich werde mein Leben nicht mit jemandem verbringen, der Demütigung für etwas Normales hält.“
Dann beendete Daniel das Gespräch.
Hannah starrte auf den dunkler werdenden Bildschirm, bis Christina schließlich fragte, was los sei.
„Er hat mich verlassen“, brachte Hannah hervor.
Christina schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.
„Alles nur wegen dieser Frau!“
Doch das war erst der Anfang ihrer Schwierigkeiten.
Die Kreditkarten, die Sebastian ihnen überlassen hatte, wurden aufgrund einer gerichtlichen Anordnung gesperrt. Auch das Konto, über das Mietwagen, Schönheitsbehandlungen und teure Einkäufe bezahlt worden waren, wurde im Zuge der Ermittlungen eingefroren.