
„Nein, er hat uns einen Engel geschenkt!“ rief die Schwiegermutter am Familientisch, während Karoline mit der Gabel in der Hand erstarrte
Rührende Großzügigkeit oder ausbeuterische Erwartung?
— …Und genau darum haben wir uns solche Sorgen gemacht! Für Emilia Baumann ist die Wohnung gekauft worden, aber drinnen: nichts als nackter Beton. Wie soll unser Mädchen denn so eine Renovierung stemmen? Sie kennt sich damit doch überhaupt nicht aus!
Julia Hartmanns Stimme schmetterte über die festlich gedeckte Tafel, als hielte sie keine Familienrede, sondern gäbe Befehle durch ein Kasernenmegafon.
— Aber der Himmel hat uns nicht einfach nur eine Schwiegertochter geschickt. Nein, er hat uns einen Engel geschenkt!
Die Gäste — gut zwanzig Verwandte, die sich zum Jubiläum von Onkel Heinrich Beck eingefunden hatten — legten wie auf Kommando ihre Gabeln beiseite. Alle wandten sich mit gerührten Gesichtern Karoline Braun zu.
Karoline, dreißig Jahre alt und Leiterin eines Architekturbüros, erstarrte mitten in der Bewegung, die Gabel noch in der Hand. Nach Engel fühlte sie sich kein bisschen. Eher nach einem Elch, der im Wald friedlich an Baumrinde kaut und plötzlich einen roten Punkt vom Ziellaser auf der Stirn entdeckt.

Ihre Schwiegermutter tupfte sich währenddessen mit ausgesuchter Eleganz die Augenwinkel ab. Dann ließ sie eine Pause entstehen, dramatisch genug für eine Theaterbühne, und spielte ihren Trumpf aus.
— Unsere Karoline ist ein wahres Design-Genie! Sie besitzt einen Geschmack, wie man ihn sich nur wünschen kann. Und weil sie ein aufrichtiges, treues Mitglied unserer Familie ist, hat sie sich bereits bereit erklärt, für Emilia Baumann ein komplettes Gestaltungskonzept zu erstellen. Mehr noch! Sie wird sich sogar um all diese furchtbaren Handwerker kümmern, die sonst nur Pfusch hinterlassen. Und das völlig unentgeltlich! Denn Karoline Braun ist ein heller, selbstloser Mensch. Sie lässt die Ihren niemals im Stich! Lasst uns auf unsere goldene Retterin trinken!
Am Tisch brach begeisterter Applaus los. Onkel Heinrich Beck hob freudestrahlend sein beschlagenes Schnapsglas. Die fünfundzwanzigjährige Emilia Baumann, Felix Werners Schwester, schickte Karoline einen Luftkuss zu. Felix Werner selbst klopfte seiner Frau mit überwältigtem Stolz auf die Schulter.
Karoline legte die Gabel sehr vorsichtig auf den Teller zurück. Sie lächelte noch immer, doch ihre Gesichtsmuskeln waren so verkrampft, als hätte man ihr gerade eine Pferdedosis misslungenes Botox gespritzt.
Der entscheidende Punkt war: Karoline hatte niemals irgendetwas zugesagt. Niemand hatte mit ihr über diese Renovierung gesprochen. Emilia hatte vor ein paar Monaten beiläufig erwähnt, dass sie eine Zweizimmerwohnung kaufen wolle; Karoline hatte höflich genickt. Damit war die gesamte architektonische Beratung bereits beendet gewesen.
Nun aber tranken zwanzig Menschen voller Freude auf ihre angeblich grenzenlose Großzügigkeit.
Karoline ließ den Blick über die strahlenden Gesichter der Verwandtschaft gleiten. Hätte sie in diesem Moment den schlichten, vernünftigen Satz gesagt: „Da liegt ein Missverständnis vor, ich werde das nicht machen“, wäre alles vorbei gewesen. Die Feier wäre verdorben. Aus der „goldenen Retterin“ wäre sie innerhalb von drei Sekunden zur geizigen, egoistischen Schwiegertochter geworden, die der armen Schwester ihres Mannes nicht einmal ein paar Blätter Papier gönnte.
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