Julia Hartmann sah Karoline vom anderen Ende des Tisches aus über den Rand ihres Kristallglases hinweg an. In diesem Blick war nicht die geringste Spur engelsgleicher Güte. Darin schwappte die eiskalte Berechnung eines erfahrenen Spießes, der soeben mit geschickter Hand einen kostenlosen Rekruten für die Kartoffeläcker angeworben hatte.
Am Abend, wieder zu Hause, entlud sich das Gewitter. Genauer gesagt: Nur eine Hälfte der Familie tobte. Der zweiunddreißigjährige Felix Werner, ein klassischer Friedensstifter und Muttersöhnchen, konnte beim besten Willen nicht begreifen, weshalb seine Frau sich derart aufregte.
— Karoline, jetzt sag mal, worüber regst du dich eigentlich so auf? — Felix zog sich die Krawatte vom Hals und ließ sich zufrieden aufs Sofa fallen. — Hast du nicht gesehen, wie stolz Mama auf dich war? Eine halbe Stunde lang hat sie dich gelobt! Die anderen waren richtig neidisch.
— Sie war nicht stolz auf mich, Felix. Sie hat mich gerade in die Sklaverei verkauft, — Karoline streifte die Schuhe ab und stellte sie ordentlich in den Schrank. — Und zwar im Großhandel, vor Zeugen und zum Nulltarif.
— Ach komm, übertreib doch nicht schon wieder! — Ihr Mann machte eine wegwerfende Handbewegung. — Dann zeichnest du Emilia eben ein paar Skizzen. Ist das für dich etwa schwer? Du bist doch Profi. Du setzt dich mit deinem Tablet hin und kritzelst am Wochenende etwas zusammen. Emilia hat einen Immobilienkredit aufgenommen, sie hat für diesen ganzen Designkram einfach kein Geld übrig.
Karoline atmete hörbar aus, nervös und beherrscht zugleich. Mit Menschen, die noch nie eine Baustelle von innen erlebt hatten, über Innenarchitektur zu sprechen, war ungefähr so, als wollte man einer Katze die Funktionsweise eines Verbrennungsmotors erklären.
— Felix. Hör mir jetzt sehr genau zu. — Karoline setzte sich ihm gegenüber in den Sessel. — Ein „vollständiges Designprojekt mit Bauüberwachung“ besteht nicht aus hübschen Bildchen mit Vorhängen. Das sind vierzig Seiten Ausführungspläne. Abrissplan. Elektroplanung. Schema für die Fußbodenheizung. Fliesenverlegeplan, bei dem jeder Zuschnitt bis auf den Millimeter stimmen muss. Und das Wichtigste ist die Bauüberwachung.
Sie beugte sich vor.
— Bauüberwachung, Felix, bedeutet drei Monate Krieg auf der Baustelle. Das heißt: meine Wochenenden im Betonstaub. Streit mit Installateuren, die garantiert irgendein Rohr schief verlegen. In meinem Büro kostet so ein Auftrag für eine Zweizimmerwohnung etwa fünftausend Euro. Deine Mutter hat mir heute vor versammelter Mannschaft fünftausend Euro aus der Tasche gezogen. Und nebenbei hat sie mir sämtliche freien Tage bis November gestrichen.
— Karoline, das ist doch Familie! — Felix setzte sich empört auf. — Was redest du da von fünftausend Euro? Mama hat überhaupt nicht an Geld gedacht! Sie wollte doch nur etwas Schönes tun. Warum rechnest du alles sofort in Euro um? Emilia hat schließlich einen Immobilienkredit!
Wenn Emilia einen Kredit abzahlt und deshalb knapp bei Kasse ist«, erwiderte Karoline kühl, »dann fährt Emilia in den Baumarkt, sucht sich Tapeten aus dem Sonderangebot, rührt den Kleister in einem Eimer an und klebt sie eigenhändig an die Wand. So machen es normale Menschen. Seit wann ist meine berufliche Leistung ein kostenloses Hilfsprogramm für Verwandte mit Immobilienfinanzierung?«