„Darum geht es mir nicht.“

Sie rührte weiter in ihrem Glas.

„Wolltest du denn nicht mehr hin?“

„Doch.“

„Warum hast du es mir dann nicht gesagt?“

Sie ließ sich sehr lange Zeit mit der Antwort.

„Papa meinte, es würde helfen.“

„Wem helfen?“

„Allen.“

„Was heißt das?“

Sie hob die Schultern.

„Du musst arbeiten.“

„Das stimmt.“

„Und Papa arbeitet auch.“

„Ja.“

„Und die Babys dürfen nicht allein bleiben.“

„Nein, das dürfen sie nicht.“

„Also muss es jemand machen.“

Ich atmete langsam aus und suchte nach einer Formulierung, die sie nicht verletzte.

„Warum dachtest du, dass dieser Jemand du sein sollst?“

Sie sah mich an, als verstünde sie die Frage nicht.

„Weil Papa mich gefragt hat.“

„Nur weil er dich fragt, wird es nicht automatisch zu deiner Aufgabe.“

„Aber er brauchte doch Hilfe.“

„Erwachsene dürfen Hilfe brauchen“, sagte ich. „Aber das bedeutet nicht, dass ein Kind die Lösung für ein Erwachsenenproblem sein muss.“

Ihr Blick wanderte nach unten.

„War es falsch, dass ich geholfen habe?“

Dieser Satz traf mich härter, als jeder Vorwurf es gekonnt hätte.

„Nein, Liebling. So meine ich das nicht.“

Ihre Augen glänzten bereits.

„Ich passe gern auf Jonas und Emil auf.“

„Das weiß ich.“

„Sie mögen mich.“

„Ich weiß.“

„Und ich kann gut mit ihnen umgehen.“

„Auch das weiß ich.“

Erst da hob sie wieder den Kopf.

„Warum sind dann alle so sauer?“

Ich schob meinen Milchshake ein Stück von mir weg.

„Ich bin nicht wütend auf dich, weil du bei ihnen geblieben bist.“

„Papa ist wütend.“

„Auf dich?“

Lina schüttelte den Kopf.

„Auf das alles.“

Natürlich.

Auf den Streit.

Auf das Aufdecken.

Auf die Tatsache, dass seine Abmachung nicht mehr funktionierte, sobald ich sie sehen konnte.

„Ich möchte, dass du etwas ganz Wichtiges verstehst“, sagte ich. „Es gibt einen Unterschied zwischen: Du hilfst deiner Familie. Und: Du wirst für deine Familie verantwortlich gemacht.“

Sie zog die Stirn kraus.

Also versuchte ich es anders.

„Wenn Papa Wäsche zusammenlegt und dich bittet, kurz Emils Fläschchen zu halten, dann ist das Helfen.“

Sie nickte langsam.

„Wenn ich koche und du spielst zwanzig Minuten mit Jonas, dann ist das auch Helfen.“

Noch einmal nickte sie.

„Aber wenn du die einzige Person im Haus bist, die auf zwei Babys aufpasst, während ein Erwachsener mehrere Stunden weg ist, dann ist das keine kleine Hilfe. Dann ist das Kinderbetreuung.“

Lina betrachtete die Tischplatte.

Lange sagte sie nichts.

Dann murmelte sie: „Papa hat gesagt, Babysitter kosten viel.“

Da war es.

Geld.

„Was hat Papa noch gesagt?“

Sie schüttelte sofort den Kopf.

„Nichts.“

Ich drängte nicht weiter.

Noch nicht.

Aber später an diesem Abend, als alle Kinder schliefen, kam mir ein Gespräch von vor vier Monaten wieder in den Sinn.

Ich hatte damals vorgeschlagen, für Freitagnachmittage jemanden zu engagieren, weil Felix immer wieder Verkaufstermine hatte.

Seine Ablehnung war sofort gekommen.

Siebzig bis neunzig Euro pro Woche, hatte er gesagt, seien völlig überzogen.

„Wir können doch nicht jeden Monat dreihundert Euro für etwas ausgeben, das wir selbst geregelt bekommen.“

Damals hatte ich geglaubt, mit „wir“ meine er sich und mich.