Noch bevor ich mich bewegen konnte, legte Lina ihren Bleistift hin.

„Ich kann ihn nehmen.“

Felix war schneller. Er hob Emil hoch und zog ihn an sich.

„Ich mache das.“

Lina setzte sich wieder hin.

Zehn Minuten später fing Jonas an zu jammern.

Wieder wollte Lina aufspringen.

„Ich kann—“

„Ich kümmere mich auch um ihn.“

Felix sah zu mir.

Zwischen uns lag ein stilles Verstehen.

Keine Vergebung.

Noch nicht.

Aber Erkenntnis.

Für Lina war dieser Reflex längst automatisch geworden.

Später, als die Zwillinge schliefen, setzte ich mich zu ihr auf die Bettkante.

„Darf ich dich etwas fragen?“

Sie nickte und zog die Decke bis an die Hüfte.

„Okay.“

„Hilfst du gern bei Jonas und Emil?“

Sie lächelte sofort.

„Ja.“

„Und magst du es, ganz allein auf sie aufzupassen?“

Das Lächeln verschwand.

Ihr Blick wanderte zur Tür.

„Papa hat gesagt, ich muss das nicht mehr.“

„Das weiß ich. Aber ich frage nicht, was Papa gesagt hat. Ich frage, wie es sich für dich anfühlt.“

Sie hob die Schultern.

„Lina.“

„Was denn?“

„Machst du es gern?“

Wieder sah sie zur Tür.

Felix stand ein Stück weiter hinten im Flur. Sie konnte ihn von ihrem Bett aus nicht sehen.

Er machte Anstalten, näherzukommen.

Ich hob die Hand.

Er blieb stehen.

„Ich habe Lina gefragt“, sagte ich ruhig.

Meine Tochter kratzte an einem getrockneten Farbfleck auf ihrem Daumennagel.

„Ich mag die Babys.“

„Ich weiß.“

„Ich mag es, wenn Jonas lacht, wenn ich dieses komische Geräusch mache.“

Ich lächelte schwach.

„Dieses Geräusch findet er wirklich großartig.“

„Und Emil schläft gern auf mir ein.“

„Ja. Das tut er.“

Sie verstummte.

Dann sagte sie so leise, dass ich mich zu ihr beugen musste: „Aber ich mag es nicht, die Erwachsene zu sein.“

Felix schloss im Flur die Augen.

Da war es.

Kein Ausbruch.

Keine Vorwürfe.

Keine große Szene.

Nur ein zehnjähriges Mädchen, das endlich aussprach, was wir Erwachsenen in diesem Haus so lange miteinander verwechselt hatten.

Ihre Brüder zu lieben.

Und für sie verantwortlich zu sein.

Ich beugte mich vor und küsste sie auf die Stirn.

„Du bist nicht die Erwachsene.“

Sie sah mich an, ernst und viel zu wach für ihr Alter.

„Und wenn du Hilfe brauchst?“

„Dann bitten wir jemanden um Hilfe.“

„Und wenn Papa arbeiten muss?“

„Dann finden wir eine andere Lösung.“

„Und wenn der Babysitter zu teuer ist?“

„Dann planen wir das Geld dafür ein.“

„Und wenn du wieder dieses große Projekt hast?“

„Dann ist es meine Aufgabe, meine Arbeit zu organisieren.“

„Und wenn—“

Ich nahm ihre Hand zwischen meine.

„Du musst nicht jede Was-wäre-wenn-Frage beantworten.“

Ihre Augen wurden feucht.

„Wer denn dann?“

Ich lächelte traurig.

„Papa und ich.“

Aus dem Flur kam Felix’ Stimme, leise und heiser.

„Wir.“

Lina drehte den Kopf zu ihm.

Er trat ein und setzte sich vorsichtig auf die andere Seite ihres Bettes.

„Es tut mir leid“, sagte er.

Lina rückte näher an mich heran.

Felix sprach weiter.

„Ich hätte dich niemals glauben lassen dürfen, dass du mir hilfst, wenn du in Wirklichkeit dafür sorgen sollst, dass in unserer Familie alles funktioniert.“

Lina schniefte.

„Bist du noch sauer, weil ich Mama alles erzählt habe?“

Sein Gesicht verzog sich.